Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
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Erinnerungen, ihrer ſchönen und glücklichen Vergan⸗ genheit. Dort fühlte ſie ſich nicht einſam und ver⸗ waiſt, ſondern in der Mitte ihrer Aeltern und ihres Glückes. Bevor ſie Morgens ihre Hütte verließ, um zu demjenigen zu gehen, dem ſie für den Tag ihre Arbeit verkauft, ging ſie in den kleinen Garten, der hinter ihrer Hütte lag, und wo in der von dunkel⸗ rothen Blüthen überſäeten Bohnenlaube noch die drei Seſſel ſtanden, welche ihr armer Vater in ſeinen Muße⸗ ſtunden geflochten, wo noch der rohe geſchnitzte Tiſch ſtand, den er mit ſeinem Beil und ſeinem Meſſer zu⸗ rechtgezimmert hatte. Dann ſetzte ſie ſich einen Augen⸗ blick nieder auf dem mittelſten dieſer Seſſel, und legte auf jeden der ihr zur Seite ſtehenden eine ihrer Hände, wie ſie ſie ſonſt in den Schooß ihrer Aeltern gelegt. Und der Rhein rauſchte in der Ferne noch ebenſo me⸗ lodiſch, die Bäume hatten daſſelbe ſchöne Grün, die⸗ ſelben Blüthen und dieſelben Früchte, der Himmel ſtrahlte in demſelben ſchönen Blau oder verdüſterte ſich mit denſelben majeſtätiſch einherſchreitenden Wolken! Nichts hatte ſich verändert, Alles um ſie her war noch wie ſonſt. Nur die beiden Seſſel neben ihr waren leer! Aber Anna Sophie hatte nur nöthig die Augen zu ſchließen, um die geliebten Geſtalten der heimge⸗ gangenen Aeltern neben ſich zu ſehen, um zu fühlen, wie ſie ihre Hände drückten, um zu hören, wie ſie in ſolchen Tönen und mit den Ausdrücken zu ihr ſpra⸗ chen, welche nur die Liebe kennt und nur die Liebe verſteht. Dann ſagte ſie ganz laut: Guten Morgen,

mein Vater! Guten Morgen, meine Mutter! und mit

geſchloſſenen Augen ſich von ihrem Sitz erhebend trat ſie zurück aus der Laube, in denen ſie in ihren Ge⸗

danken ihre Aeltern zurückließ, welche ihr nachſchauten.

Aber Anna Sophie wandte ſich nicht ein einziges