in Brünen gelebt und auch gewirkt hatten. Denn Anna Sophieens Vater war der Schulmeiſter des Dorfes geweſen, und ſeinem Fleiß und ſeiner Thätig⸗ keit verdankten es jetzt die Frauen, daß ſie Briefe von ihren Männern und Söhnen erhalten konnten. Er hatte die Burſche ſchreiben und leſen gelehrt, und wenn die Frauen und Mädchen das nicht auch gelernt hat⸗ ten, ſo bewies das Beiſpiel ſeiner eigenen Tochter, daß das nicht an ſeiner Ungeſchicktheit, ſondern an ihrer Unluſt gelegen hatte, oder an ihrem Mangel an Muße und Zeit. Von ihrer Mutter hatte Anna Sophie ihre weiblichen Geſchicklichkeiten gelernt, von ihr war ſie unterrichtet worden in allen den Pflichten, welche einer Frau geziemen, ihre Mutter hatte ſie zu dem fleißigen, ehrbaren und tugendhaften Mädchen gemacht, welches ſie jetzt war. Ihre Mutter hatte ſie gelehrt ſtets hülfreich und gefällig, freundlich und theilnahme⸗ voll ſich zu bezeigen, und durch gute Thaten nach der Liebe ihrer Mitmenſchen zu ſtreben.
Es war eine ſehr glückliche, ſehr zufriedene Familie geweſen, welche da in dem kleinen halbzerfallenen Schulhaus des Dorfes gelebt, und wenn ſie auch öfter mit allerlei Sorgen und Entbehrungen zu kämpfen ge⸗ habt, ſo hatten dieſe drei glücklichen Menſchen das niemals als ein Mißgeſchick, ſondern nur als das noth⸗ wendige Uebel des Lebens betrachtet. Sie liebten ſich untereinander, und wenn die Aeltern auf ihr roſiges, ſo herrlich emporblühendes Kind ſahen, ſo wußten ſie gar nicht, daß das Brod, welches ſie eben aßen, hart und ſchwer ſei, und vermißten gar nicht die Butter und den Käſe darauf, ohne welchen die reicheren Be⸗ wohner des Dorfes ihr Brot nicht eſſen mochten. Und wenn Anna Sophie Sonntags inmitten ihrer Aeltern zur Kirche ging, angethan mit dem verſchoſſenen Rocke


