Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
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jenes Mädchen mit der ſtolzen Geſtalt, die trotz des ſchlichten Bauerngewandes, welches ſie trug, etwas Imponirendes hatte, mit dem jugendlichen, ſchönen und blühenden Angeſicht, das war ſeines Sohnes Braut, welche man im ganzen Dorf die ſchöne Anna Sophie nannte, und um deren Liebe alle Burſche des Dorfes den glücklichen Karl Heinrich beneideten. Zwar war ſie arm und eine elternloſe Waiſe, aber in ihren fleißigen Händen lag ein beſſerer und ſichererer Schatz, als eine gefüllte Geldbörſe, und eine beſſere Mitgift als gefüllte Koffer brachte ſie ihrem Erwählten in's Haus: ihre Arbeit, und ihre Geſchicklichkeit. Denn Anna Sophie Detzloff verſtand ſo ziemlich Alles, und die Dorfbewohner wußten nicht, ob ſie ſie mehr ver⸗ ehren ſollten wegen ihrer vielen Kenntniſſe, oder mehr lieben ſollten wegen ihres guten und treuen Herzens. Anna Sophie verſtand zu leſen und zu ſchreiben wie ein Schulmeiſter. Für alle Frauen im Dorf ſchrieb ſie die Briefe, welche dieſe an ihre Männer oder Söhne, welche da draußen bei der Armee des Königs von Preußen ſtanden, ſenden wollten, und las ihnen die Antworten vor, welche von dort her im Dorfe an⸗ kamen. Und ſo ſchön, und mit ſo herzinnigem Aus⸗ druck wußte ſie zu leſen, daß die gerührten und glück⸗ lichen Frauen meinten, die geliebten und innigen Stimmen ihrer fernen Geliebten zu vernehmen, daß jedes geſchriebene Wort Leben und Ausdruck von ihren Lippen empfing. Aber trotz dieſer Gelehrſamkeit ver⸗ ſtand ſich Anna Sophie auch ſehr wohl auf die Ge⸗ ſchicklichkeiten, die den Frauen gebühren. Niemand im Dorfe wußte ſchmackhaſtere Speiſen zu kochen, als ſie, und Niemand that es ihr gleich im raſchen und flinken Nähen und Stricken. Alle dieſe Dinge hatte Anna

Sophie von ihren Aeltern gelernt, welche lange Jahre