— 177—
von dieſem Anknüpfungspunkt ausgehend, erzählte er ihm von den wunderlichen und komiſchen Sitten und Gebräuchen der Chineſen, und machte die ſtolze Köni⸗ gin ſelbſt lachen durch ſeine humoriſtiſchen und pilanten Schilderungen. 3
Mitten in dieſen Geſprächen ward indeß der Graf auf eine ſeltſame und ungewöhnliche Weiſe unter⸗ brochen. Sein Geheim⸗Seecretair, der Legationsrath Willmar näherte ſich plötzlich der königlichen Tafel, und ohne nur ein Wort der Entſchuldigung zu ſagen, ohne nur den König ehrfurchtsvoll zu begrüßen, reichte er dem Grafen ein verſiegeltes Schreiben dar.
Das war ein ſo unerhörter, unbegreiflicher Fehler gegen die Etiquette, daß der Graf in ſeinem Entſetzen nicht einmal Worte der Entſchuldigung für den König wußte, ſondern nur einen wüthenden, zerſchmetternden Blick auf den Legationsrath ſchleuderte. Aber wie er jetzt dieſes blaſſe, entſetzte Geſicht des armen Willmar gewahrte, erfaßte ihn ſelbſt ein unwillkührliches Beben und er ſenkte ſeine Augen auf das Schreiben nieder, das er in ſeiner Hand hielt, und das ohne Zweifel den Schlüſſel zu dieſem Räthſel enthalten mußte.
Vom Commandanten von Leipzig, flüſterte der Geheimſecretair. Ich beſchwöre Euer Excellenz zu leſen! 4
Aber bevor der Graf noch Zeit hatte, ſich zu ent⸗ ſcheiden, trat ein neues, noch ungewöhnlicheres Ereig⸗ niß ein. Der preußiſche Geſandte, welcher die Ein⸗ ladung des Grafen Brühl zu dem heutigen Feſte, unter dem Vorgeben krank zu ſein, abgelehnt hatte, erſchien plötzlich, begleitet von ſeinen vier Legationsſecretairen,
in dem Garten, und näherte ſich dem königlichen Zelt.
Sein Antlitz trug indeß durchaus nicht das Gepräge
des Leidens und Krankſeins, vielmehr war es ſtrah⸗
Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 12
—


