Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 1. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 28—

immer die tollkühne, ſchwärmeriſche, leicht bewegte Luiſe von Schwerin,— nur daß ſie weniger unſchul⸗ dig war, nur daß die kleine Coquette aus Inſtinct ſich in eine Coquette mit vollem Bewußtſein und mit voller Herrſchaft über die ihr zu Gebote ſtehenden Mittel

Doch hatte die ſchöne, ſelbſtbewußte Coquette jetzt daſſelbe phantaſtiſche Gelüſte, welches einſt die ſchöne, unbewußte, unſchuldige Coquette gehabt hatte. Luiſe von Kleiſt träumte von einer Mesalliance ſo gut, wie einſt Luiſe von Schwerin gethan, aber mit dem Unter⸗ ſchied, daß die Letztere ihre Blicke nach unten, die Erſtere ihre Blicke nach Oben gerichtet hatte. Luiſe von Schwerin wollte zu dem Gärtner hinunterſteigen, Luiſe von Kleiſt wollte ſich zu dem Prinzen empor⸗ ſchwingen, das war der ganze Unterſchied!

Sie ſtand vor dem Spiegel und prüfte noch ein⸗ mal ihre ganze Erſcheinung, und dann geſtand ſie ſich mit einem zufriedenen Lächeln, daß ſie ſchön genug ſei, um alle Männer bezaubern zu können und in Aller Herzen eine ſchmerzliche Sehnſucht nach ihrer Liebe zu erregen.

Aber ich will und werde jetzt Niemand mehr lie⸗ ben, als den Prinzen allein, ſagte ſie dann, und wenn meine Gewalt über ihn wirklich ſo groß iſt, daß ich ihn zu einer Verheirathung mit mir bewegen kann, ſo will ich es ihm durch Treue und völlige Hingabe in ſeinen Willen lohnen. Oh, gewiß, ich will eine tugendhafte Gattin und eine treue Mutter ſein und meine holde kleine Camilla ſoll an ihrer Mutter ein gutes und würdiges Vorbild haben. Ich will meinem Engel das mit einem Abſchiedskuß verſprechen und dann fort auf den Ball.

Sie hüpfte in das anſtoßende Schlafgemach und