Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 1. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Er weiß das ſo gut, wie ich ſelber, ſagte der Kö⸗ nig mit verdüſtertem Geſicht. Beantworte Er ſich dieſe Frage alſo ſelber! 3

Pöllnitz machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Es geſchah, ſagte er, weil der Kronprinz endlich des ewigen Zwiſtes und Haders müde war, weil er ſich nach ein wenig Freiheit und Ruhe ſehnte, weil er, unvermählt, an die Perſon ſeines Königs wie ein Schatten gefeſſelt war, während er bei ſeiner Vermäh⸗ lung ſicher war, ſein eigenes Palais, ſeine eigene Dienerſchaft und ſein eigenes Landhaus zu haben, wo. er doch auf ein wenig Muße und Freiheit hoffen durfte. Der Kronprinz ſchlug ſich in die Feſſeln der Ehe, weil er doch dafür ein wenig Freiheit von ſeinem Kö⸗ nig erhielt.

Und Er meint, ich ſolle daſſelbe Mittel bei meinem Bruder anwenden? fragte der König nachdenkend. Es iſt indeß ein verzweifeltes Mittel, glaube Er mir, nnd da mein Bruder Heinrich nicht der Kronprinz iſt, ſo weiß ich nicht, ob ich nicht ſein Junggeſellengelüſte beſriedigen und ihn unvermählt laſſen ſollte. Aber ſage Er mir doch, hat mein Bruder wirklich einen ſo unüberwindlichen Abſcheu vor der Ehe, und iſt ſein Herz wirklich ſo empfindungslos und kalt, wie er be⸗ hauptet?

Pöllnitz zuckte mit einem ſchlauen Lächeln die Ach⸗ ſeln, aber er ſchwieg.

Des Königs durchdringender Blick ſchien auf dem Grunde ſeiner Seele leſen zu wollen.

Sie wollen mir nicht antworten? fragte er. Mein Bruder hat alſo ein Liebesverhältniß und Sie ſind der Vertraute deſſelben?

Ach, Sire, alle Glieder Ihrer erhabenen Familie kennen zu ſehr meine unerſchütterliche Treue und Er⸗

—