Teil eines Werkes 
2. Theil (1839) Die Künstlerin
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

Buͤhne den Ruͤcken und lorgnettirte die glaͤnzenden Damen⸗ reihen.

Ein allgemeines jubelndes Begruͤßen, ein donnerndes Haͤndeklatſchen rief ſeinen Blick bald wieder zur Buͤhne zuruͤck. Im glaͤnzenden Anzuge einer Spanierin, mit lang herabwallendem Schleier, hoch und ſtolz, wie eine Koͤnigin,

die die ihr gebuͤhrenden Huldigungen empfaͤngt, ſtand Emi⸗ lie da, den Kopf etwas ruͤckwaͤrts gebogen, ein faſt ſpoͤtti⸗ ſches Laͤcheln um den ſchoͤnen Mund, winkte ſie, als wolle

ſie Stille gebieten, mit der kleinen Hand.

Wie gefaͤllt ſie dir? fragten die Freunde miteinander Graf Ernſt, der, im Anſchauen verloren, ihre Frage uͤber⸗ hoͤrte.

Der iſt ſchon hin, lachte Graf Carl.

Und jetzt oͤffnete Emilie den Mund, und mit dem gan⸗ zen Ton der Liebe, der hingebendſten Zaͤrtlichkeit begann ſie ihre Rolle:

Wie ſchnell die Zeit verrinnt! Schon iſt es dunkel! Du mußt nun forr, mein Ortiz

Herrliche Stimme, fluͤſterte Graf Ernſt, da iſt Seele, iſt wirklich Gefuͤhl!

Und er verwandte kein Auge mehr von der Kuͤnſtlerin. Bald aber vergaß er uͤber dem Intereſſe an der Tragoͤdie ſelbſt die Bewunderung der Schauſpielerin. Seine ganze Seele ward ergriffen von dieſem herrlichen Meiſterwerke Lo⸗ pez de Vega's, er dachte nicht mehr, daß ja Alles nur Taͤuſchung, nur Spiel. Er ſah Alles wirklich ſich ſo be⸗ geben, es ward Wahrheit, ward wirkliches Leben. Die wahre Kunſt muß auf den gefuͤhlvollen Menſchen immer