— 231—
mir meine theure Mutter erbitten, daß ſie bleibt, nur bis morgen noch!“
Nordheim murmelte einige Worte, die Ellen nicht verſtand; Aurelia ſah ihn an und lächelte ſchmerzvoll, dann ſagte ſie feſt:„Nordheim weiß, meine theure Ellen, daß das, was ich zu thun habe, keinen Aufſchub leidet, daß ich ſogleich verreiſen muß! Laß uns denn jetzt ſcheiden!“
Weinend umfaßte Ellen ihre geliebte Freundin und Mutter, und unter tauſend Küſſelt und Zärt⸗ lichkeiten flehte ſie ſie an, ihrer zu gedenken und bald zurückzukehren!
Aurelia fühlte Thränen in ihre Augen treten, fühlte ihre mühſam errungene Kraft ſchwinden, ſie fühlte, daß ſie ſcheiden müſſe. Sanft machte ſie ſich los aus Ellen's Umarmung, flüſterte leiſe: „Lebe wohl! Folge mir nicht!“ und wandte ſich ab zu gehen.
Nordheim geleitete ſie die lange Allee hinab, die zu dem Ausgang führte, wo Aureliens Wagen harrte. Schweigend und in tiefernſten Gedanken gingen ſie nebeneinander her. Dann, nahe ſchon dem Ausgang, ſtand Aurelia ſtill und ſagte ernſt: „hier laß uns ſcheiden!“
„Aurelia,“ ſagte Nordheim tief bewegt,„ich will nicht fragen, wohin Du geheſt, nicht fragen, was Dein edler Geiſt beſchloſſen hat. Aber ſa⸗
gen muß ich Dir, daß ich Dich nie heiliger und reiner, nie wahrhafter geliebt habe, als jetzt, und


