Auch das Mädchen neben ihr verſuchte zu be⸗ ten, ſie faltete die Hände, ſie ſchlug die Augen empor, dann füllten ſich dieſe mit Thränen, ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtürmiſchem Wallen, ſie ſprang empor und ſchrie mit lautem Ton:— „Natalie, ich kann nicht beten!“ Laut und durchdringend zitterte dieſer Angſtruf des Mädchens durch die Stille und den hohen Raum, und verſchwand in einem leiſen Rauſchen und Säuſeln, das wie Geiſtergeflüſter erklang. Die Nonne erhob ſich langſam von ihren Knien und ſagte:„Du wirſt es lernen, Effie.“ „Nein, nein,“ rief das Mädchen, und die Thrä⸗ nen, mühſam zurückgehalten, ſtürzten nun gewalt⸗ 3 ſam hervor,„nein, ich kann nicht!“ Dann, wie in Verzweiflung warf ſie ſich an den Hals der Nonne, umtlammerte ſie feſt mit 1 ihren Armen und rief:„Rette mich! rette mich! Ich kann dies morgende Feſt nicht feiern, ich kann 8 keine Nonne werden.“ Ihr Athem ſtockte und Natalie fühlte an der ſchwerer werdenden Geſtalt, daß ſie eine Ohn⸗ mächtige in ihren Armen halte. Sie legte das Mädchen ſanft nieder auf den 3
Seſſel und betrachtete die erbleichten Züge des 5 Mädchens, das mit geſchloſſenen Augen ohne Athem dalag.
„Ihr wäre beſſer, ſie erwachte nicht wieder,“ flüſterte ſie,„ein ſchneller Tod hätte ſie dann die⸗


