Teil eines Werkes 
2. Band (1861)
Entstehung
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beweglichen Zügen ſchritt ſie zum Altare, und vor dem Bilde des Erlöſers niederkniend betete ſie mit halblautem Ton ein Paternoster. Dann ſtand ſie auf, auch hier die Lampen zu füllen, und nach⸗ dem dies geſchehen, trat ſie in den kleinen Raum hinter dem Altar, holte aus einem dort befind⸗ lichen Verſchlage den ſilbernen Becher und Teller, die goldgeſtickten Decken und Meßgewänder, und ſchmückte damit den Altar.

Etwas Tiefergreifendes, Schauerliches lag in dieſem ſtillen Walten, in dieſer ruhigen Geſchäftig⸗ keit; die Nonne merkte nicht darauf, und vollendete mechaniſch ihren Dienſt als Sacriſtan.

Als der Altar geſchmückt, die Decken ausge⸗ breitet waren, beſtieg die Nonne eine kleine zur Seite gelegene Treppe, die zu dem Orgelchor führte. Hier hing ſie ihre Lampe an die Wand, öffnete die Orgel und legte ihre ſchlanken Finger, wie

prüfend, leiſe auf die Taſten. Sie gaben ihrem

Druck nicht nach und kein Ton erſchallte aus die⸗ ſen verſilberten Pfeifen. Die Nonne aber glitt leiſe auf den Schemel nieder, und das Haupt auf ihre Bruſt geſenkt, ſchien ſie in kiefe Gedanken ſich zu verlieren. Selbſt das Oeffnen und Knarren der Eingangsthüren und der Schall herannahender Schritte ſchreckte ſie nicht auf, ſie blieb ruhig in ihrer Stellung.*

Die Tritte kamen indeß immer näher und jetzt betrat ein zweites weibliches Weſen das Orgelchor