237
ſo wird Gott es mir verzeihen, denn er ſieht in unſre Herzen, und weiß, daß kein ſündiger Gedanke unſern rei⸗ nen Seelenbund befleckt.
Späͤter laſen ſie zuſammen; Victor hatte dazu Ro⸗ meo und Julia gewählt, und nie war ſein Vortrag lei⸗ denſchaftlicher, nie ſeine Stimme verführeriſcher und wei⸗ cher geweſen, und nie hatte Eva mit ſolcher Gluth des Gefühls, mit ſolcher Innigkeit und Wahrheit geleſen, als heute, wo dieſer Bund der Seelen geſchloſſen worden.
Arme Eva! Sie war ſo vertrauensvoll und arg⸗ los, ſo unſchuldig und rein. Sie wußte nicht, daß Vie⸗ tor mit geübtem Kennerblick jede Regung ihres Gefühls beobachtete und überwachte, daß er ſich genau ſein Be⸗ nehmen vorſchrieb, und daß er mit ihr alle Stadien der Empfindung durcheilen und durchempfinden wollte, um endlich auf dieſem genußvollen und lohnenden Pfade zum Gipfel der Leidenſchaft zu gelangen, auf welchem ſie jauchzend und ſelig hinſinken und der ganzen Welt ver⸗ geſſen ſollte in ſeinen Armen. Sie war ihm nichts als ein armer Wurm, den er auf eine Nadel geſteckt, um durch das Mikroſcop alle ſeine Schönheiten zu er⸗ ſchauen, jede Bewegung, jedes Zucken ſeines Lebens zu beobachten, und ſich ſeines Hinſterbens und ſeiner Qua⸗ len als eines Studiums zu erfreuen, an ſeinen Todes⸗ zuckungen ſeine Kenntniſſe zu erweitern, und ſtolz darauf zu ſein, wenn alle ſeine Berechnungen richtig geweſen,


