Teil eines Werkes 
16. Theil (1861) Mademoiselle Clairon : oder Vier Tage aus dem Leben einer Schauspielerin / von L. Mühlbach
Entstehung
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Mit einem Gefühl unbehaglichen Schreckens trat Herr Menneval in das verlaſſene öde Vorzimmer ein, ſein Schritt hallte unheimlich in dem leeren Raum wieder, und er beeilte ſich ihn zu durchſchreiten und dem Wohnzimmer Clairon's ſich zu nähern.

Niemand antwortete indeß auf ſein Klopfen, und er entſchloß ſich endlich die Thür zu öffnen. Leiſes Klagen und Wimmern drang ihm jetzt entgegen und ein wunderbares, ſchauerliches Bild bot ſich dem Eintretenden dar.

Dort in der Mitte des Gemachs, in dem Fau⸗ teuil neben dem Tiſch, ſaß Clairon in dem Anzug, in dem Menneval ſie heute Morgen ſchon geſehen, nur daß eine Krone von verwelkten Lorbeeren über ihrer Stirn ruhte, daß ſie in den Händen, die im Schoos gefalten waren, einen verwelkten Lorbeer⸗ kranz hielt. Ihre Augen waren geſchloſſen, ihr Mund umſpielt von einem wunderbaren Lächeln, das auf ihren bleichen, farbloſen Lippen erſtarrt ſchien. Ihr Antlitz war von jener graugelben Durch⸗ ſichtigkeit, wie ſie der alte Alabaſter zeigt, und wie aus Stein gemeißelt waren ihre ſtrengen unbeweg⸗ lichen Züge, die dennoch leuchteten von einer erha⸗ benen Ruhe und Majeſtät. Ihr zu Füßen, das Antlitz in Clairon's Schoos bergend, kniete Madame Senay, die alte Soubrette, leiſe wimmernd, klagend und betend, während die beiden Marmorbüſten Vol⸗ taire's und Lekain's, neben welchen in ſchmuzigen ſchlechten Leuchtern einige Lichter brannten, ihre