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Schreibtiſch zog, die den ſcharfen, ſpitzen Dolch in ihre Hand legte?— O mein Gott, was ſoll die Waffe des Todes in der zarten Frauenhand?— Sie zückt ſie gegen ihre eigene Bruſt, ihr glanzloſes, thränenleeres Auge ſtarrt gen Himmel, ihre Wange iſt farblos und bleich, da— was ſtockt ſie plötzlich, was ſinkt ihre Hand, die ſich eben noch ſo kühn erhoben?
Iſt ſie verſtummt dieſe ſüß verlockende Stimme, welche ſie gerufen mit köſtlichem Troſtesworte, iſt ſie verſtummt? Nein, aber ſie iſt übertönt worden von einer lautern, mächtigern Stimme, von einem Klange, welcher wie heiliges Orgelgetön in ihrem Herzen er⸗ brauſt iſt! Der Tod konnte ſie verlocken, aber mäch⸗ tiger noch war die Stimme der Natur, welche dem Tode ſie aus den Armen riß mit dem heiligen Zuruf:
Du mußt leben, denn Du biſt Mutter! Richte Dich auf und wandle weiter, denn Dein Kind bedarf Deines Lebens! Willſt Du zur Mörderin werden an Deinem Kinde, willſt Du das Leben tödten, welches als heilige Blüthe in Deinem Herzen emporblüht? 3 Ertrage das Leben um Deines Kindes willen, ſei groß, ſei ſtark, leide Alles, vergiß Alles, und denke nur daran, daß Du Mutter biſt. Mutter! Noch gehörſt Du nicht zu den Verdammten und Verworfenen, denn die heilige Natur hat Dich geweihet mit ihrem hei⸗ ligſten Prieſterthum, ſie hat aus dem Weibe eine Mutter gemacht, und um deswillen ſollſt Du vergeſſen, daß Du ein Weib warſt, und Dich nur erinnern, daß Du Mutter biſt!
Und Aurelia ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und flüſterte leiſe, aber ergebungsvoll: Ich werde leben!
Der Dolch entſank ihrer Hand und bohrte mit ſei⸗
ner Spitze ſich in den Fußboden ein, aufrecht ſtehend, wie ein Kreuz anzuſehen, wie das Kreuz eines Grab⸗ hügels.
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