— 228—
eines Jünglings und der Ehrfurcht und Treue eines Greiſes zugleich?
Nein, nein, fort mit den Erinnerungen an dieſen edlen, großmüthigen Mann, ſie zerreißen ihre Seele, ſie füllen ihr Herz mit Jammer und Selbſtvorwürfen. Nein, dieſer Eine, welcher allein rückhaltslos in ihre Seele ſchauen durfte, es war nicht ihr Gemahl, nicht der Mann, welchem ſie vor Gottes Altar ewige Treue geſchworen, es war ihr Geliebter, dem ſich ihr Herz ergeben, und der ihrer nicht mehr begehrte und ihrer glühenden Liebe. O, wie oft, wie oft, in den längſt verklungenen Mädchentagen hatte ihr heißes Herz ſich geſehnt nach Liebe, nach dieſem großen, entzückens⸗ vollen Traum der Jugend, wie oft dann hatte ſpäter das junge Weib, dem es verſagt geweſen, in dem Ge⸗ mahl zugleich auch den Geliebten zu umarmen, wie oft hatte ſie als Erſatz für das verſagte Liebesglück ſich ein Kind gewünſcht, ein Kind, um auf dies alle die heißen Ströme ihres glühenden Herzens zu er⸗ gießen und in dem Mutterglück das Entbehren ihres Herzens untergehen zu laſſen! Und jetzt hatte ſie Beides, jetzt hatte ſie den Mann gefunden, welchen ſie liebte, und unter ihrem Herzen ruhte das Pfand dieſer Liebe, das Kind, welches bald ſie mit dem heiligen Mutternamen verklären ſollte. Aber es war Alles, Alles zu ſpät, ein grauſames Geſchick hatte den Segen ihr zum Fluch, das Glück ihr zum Verbrechen gewan⸗ delt. Eine Meineidige war ſie geworden, weil ſie liebte, eine Ehrloſe, weil ſie ſich Mutter fühlte! Und dennoch, dennoch, was wäre ihr alles dies geweſen, wenn Er mindeſtens ſie nur noch liebte! Mochte ihr Gewiſſen ſie foltern, ihre Ehre verloren ſein, wenn Er mindeſtens ihr treu blieb in heißer Liebe, und durch die Gluthen ſeiner Leidenſchaft ſie entſchädigte für alle die Qualen, welche ihr Inneres zerriſſen!
——
b


