— 222—
Beim Himmel, der Knabe hatte ja ein ſeidenes Frauen⸗ kleid an. Warum verhüllte er denn ſein Geſicht mit ſeinen Händen?— Chriſtian riß ihr die Hände weg und beleuchtete ihr Geſicht, ihr entſetztes, todesbleiches Geſicht. Ein wildes triumphirendes Lachen tönte von ſeinen Lippen, und mit grauſamer Freude ſagte er: na, das nenn' ich'n hübſches Wiederfinden! Und anſtatt in ſchlafenden Jungen muß ich ne gute Freundin finden! 'S iſt merkwürdig! Aber Sie freuen Sich ja gar nicht? Wiſſen Sie, das könnte mir traurig machen, und ich würde mit Ihnen zanken, wenn ich nicht was Anderes zu thun hätte. Na,'s iſt recht gut, daß Sie kein fremder Junge nicht ſind, ſondern meine gute Freundin. Ich brauche mich nun gar nicht zu ängſtigen und kann ganz gemächlich in die andere Stube gehen.
Was wollen Sie thun? fragte Julia, vom Bette aufpringend und zu der Thür eilend, welche Chriſtian eben zu öffnen im Begriff war.
Ich will thun was meines Gewerbes iſt! Stehlen will ich, blos ſtehlen, weiter nichts nicht, als ſtehlen, und für Sie wird's alſo nichts zu thun geben, aller⸗ ſchönſte Jungfrau, es ſoll gar kein Blut fließen.
Er wollte ſie von der Thür fortdrängen, ſie ſtieß ihn zurück und ſagte entſchloſſen: ſobald Sie dieſe Thür öffnen, ſchrei ich laut um Hülfe!
Er packte grimmig ihren Arm und flüſterte: und wenn Sie das thun, Gott verdamm' mich, wenn ich's nicht abwarte, daß Leute kommen, und ich will ihnen denn ſo'n bisken erzählen, wer ſie ſeind, und wo ich Sie kennen lernte.— Na, ſchreien Sie doch jetzt um Hülfe, rufen Sie doch—
Draußen vor dem Fenſter ließ ſich ein leiſes, ſchril⸗ les Pfeifen vernehmen, Chriſtian unterbrach ſich mitten in ſeiner Rede und horchte,— noch einmal pfiff es, diesmal lauter, angſtvoller.


