Teil eines Werkes 
2. Theil (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

ſchönes Glück, und er war wohl bedacht, es ſich in ſeiner ungetrübten Reinheit zu erhalten. Eingedenk ihrer Worte:ich bedarf ſo ſehr des Alleinſeins ver⸗ ließ er ſie, ſobald der Lehrer ſich entfernt hatte, und wagte es nicht, ſie im Laufe des Tages in ihrer Einſamkeit und Stille zu unterbrechen. Aber jeden Abend brachte er einige Stunden in ihrer Nähe zu, dies war ein unausgeſprochenes Recht, das ſie ihm ſchweigend gewährt hatte, und deſſen Erfüllung er jeden Tag für ſich in Anſpruch nahm. Wo immer er ſein mochte, ob im Theater, oder in Geſellſchaft, immer eilte er zu derſelben Zeit von dannen, und trat mit dem Schlag der neunten Stunde, hochklopfenden Her⸗ zens und mit vor Freude leuchtendem Angeſicht, in Juliens Gemach.

Und welche köſtliche, genußreiche Stunden waren dies! Wie erſchloß ſich ſeine ganze Seele, ſein ganzes Herz dieſem edlen, ernſten Weibe, das für jedes ſeiner Worte ein theilnehmendes Ohr, ein ſanftes Aufmerken hatte, und niemals an ſich denkend, niemals ihren Klagen, ihrem Kummer Worte gebend, für ihn ſtets die zarteſte Theilnahme, das leiſeſte Verſtändniß hatte. Wenn ſie ihn anſchauete mit dieſem großen, ernſten und doch ruhigen Blick, dann war es Alfred, als müßte er ſein ganzes Innere vor ihr entfalten, als dürfe er ihr keinen Gedanken ſeiner Seele verbergen, und müßte ſie leſen laſſen auf dem tiefſten Grunde ſeines Herzens.

Sie ſind heute gedankenvoll, mein Freund, ſagte ſie einmal zu ihm, als er ſchweigend und anſcheinend traurig an ihrer Seite ſaß.

Alfred ſchüttelte ſchweigend das Haupt, und blickte ernſt vor ſich hin. Eine Pauſe trat ein, dann ſagte er feſt und entſchloſſen: Sie müſſen meine Beichte an⸗- hören, Julia!