Teil eines Werkes 
2. Theil (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

gegenüberſitzen, wenn ſie malend an der Staffelei ſaß, und in dies marmorbleiche, ernſte Antlitz ſehen, das zuweilen blitzgleich ſich einen Augenblick erhellte, und dann wieder ſich in tiefſter Schwermuth umdüſterte. Sie lächelte niemals, aber niemals auch hatte Alfred ihre Blicke von Thränen verdunkelt geſehen. Ihre Augen hatten immer einen tiefen, ſchwermüthigen Aus⸗ druck, aber ſie waren immer klar und hell, wie das tiefe Meer, ſo unermeßlich, ſo unergründlich. Abends, wenn ſie ſicher ſein durfte, von Niemand mehr geſehen zu werden, pflegte Julia ihre Männerkleidung abzu⸗ legen und ſich in die langwallenden Gewänder der Frauen zu hüllen. Wenn ſie dann Alfred entgegen⸗ kam in dem langen ſchwarzen Kleide, das ſich eng anſchloß an die hohe, ſchöne Geſtalt, wenn ſie mit ihrem leichten, elaſtiſchen Schritt durch das Gemach ſchwebte, dann neigte ſich Alfred unwillkührlich vor der ſtolzen königlichen Erſcheinung, und er nahte ſich ihr mit der Ehrfurcht eines Unterthanen, ſeiner gebietenden Herrin gegenüber. Sie mochte von dieſer Herrſchaft, die ſie über ihn ausübte, nichts ahnen, jedenfalls war ſie von ihr durch keine jener kleinen, tyranniſchen Mittel, an denen die Frauen ſonſt ſo reich ſind, hervorgerufen worden. Nicht der leiſeſte Anflug von Koketterie war in ihrem Weſen, das ſo einfach und klar, ſo ruhig und würdevoll zugleich war. Wer ſie ſo ſah, in dieſer ſtillen majeſtätiſchen Ruhe, der hätte ſie für eins jener von Gott begnadigten, leidenſchaftloſen Geſchöpfe halten mögen, die mit hei⸗ terer Ruhe und erhabenem Geiſte die Kleinlichkeit und Nichtigkeit aller irdiſchen Schmerzen erkannt haben, wenn nicht zuweilen ein leiſes Zucken ihrer Mienen, ein glühendes Aufflammen ihrer Blicke ihm die viel⸗ fach wechſelnden, leidenſchaftlichen Gefühle, die ihre

Seele beſtürmten, verrathen hätten. Sie bedurfte