Teil eines Werkes 
2. Theil (1860)
Entstehung
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in dieſem ſtillen, friedlichen Zimmer neben dem bleichen, räthſelhaften Weibe, deſſen Geſchichte er nicht kannte, deſſen Vergangenheit ihm mit einem undurchdringlichen Schleier umhüllt war, und an die er doch glaubte mit dem heiligſten Vertrauen, in deren Nähe es ihm war, als habe er ſie viele Jahre ſchon gekannt, als habe er ſie geſucht, lange lange ſchon mit ſeines Her⸗ zens heißeſten Wünſchen.

Gewiß, es war ein eigner, geheimnißvoller Zauber, der über dieſes Weib ergoſſen war, und dem Alfred nicht zu widerſtehen vermochte. Es lag nicht in ihrer Schönheit allein, nicht in dem Reiz ihrer Unterhaltung, es war ein gewiſſes geheimnißvolles Etwas, dem Al⸗ fred keine Worte zu geben wußte. Wem iſt es nicht geſchehen, daß er beim Anblick einer ſtillen, ruhenden Landſchaft plötzlich ſein Herz von tiefer Rührung be⸗ wältigt fühlte, ohne daß er ſich deren Grund zu er⸗ klären vermochte? Wem ſind nicht oft beim Klange der Schalmei, bei den ſanft klagenden Tönen des Waldhorns die Thränen in die Augen getreten, in⸗ mitten der lauteſten Freude? So war es Alfred, wenn er das ruhige, ſchöne und doch tiefbewegte Antlitz der Freundin ſah. Die reſignirte, klageloſe Weh⸗ muth, die wortloſe und doch beredte Stille übt ge⸗ meinhin dieſen Zauber, und Alfred empfand ihn mit bebendem Herzen und ahnungsvoller Seele.

Gewiß, es war eine ſeltene Erſcheinung, dieſes Mädchen, ſo voll Stolz und Demuth, voll weiblicher Schüchternheit und männlicher Energie, mit einem ſo heißen Herzen und ſo kaltprüfendem Verſtande. Wenn ſie ſprach, mußte man erſtaunen über das Feuer ihrer Augen, die Beweglichkeit ihrer Züge, den ſchnellen Wechſel von Röthe und Bläſſe auf dieſem edlen ſtolzen Angeſicht, aber auch ihr Schweigen war beredt und inhaltsreich, und zu ganzen Stunden konnte ihr Alfred