Teil eines Werkes 
1. Theil (1860)
Entstehung
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daß Du mich liebſt? Du haſt an mich gedacht? Ach mein Geliebter, gieb mir Flügel, Flügel, daß ich zu Dir emporfliegen, daß ich in Deine Arme ſinken kann! Ach, er liebt mich! Er liebt mich!

Und wie ein Geiſt ſchwebte ſie empor aus ihrem Bett, ſtand ſie auf dem ſchmalen Fenſterbrette, die Arme emporhebend zu dem Monde, der groß und gol⸗ den ihr in's Antlitz ſah.

Hinter ihr her eilten die Wärterinnen, ſie vom Fen⸗ ſter fortzuziehen. Aber die Liebe giebt Macht und Stärke, und Luiſe fühlte keine Berührung und keine Feſſel. Sie ſah nichts, nichts als ihn da droben, ſo lockend hell, ſo goldig glänzend. Sie ſtreckte flehend die Hände nach ihm hin, die Fenſterſcheiben klirrten, ſie hörte es nicht, das Blut floß über ihre zerſchnittenen Finger hin, ſie fühlte keinen Schmerz, er war da, immer da, ſo lockend hell, ſo goldig glänzend, und ſie jauchzte nur: Er liebt mich! Er liebt mich!

Die Wärterinnen riſſen ſie vom Fenſter weg und trugen ſie auf ihr Lager und immer lauter jauchzte ſie: Er liebt mich! Ich muß zu ihm!

Jetzt iſt der erſte Anfall vorüber, ſagte der Arzt. Nun wird ſie einige Minuten verſtummen, und dann, wenn ſie wieder beginnt, lebt ſie ſich zurück in die Ver⸗ gangenheit und durchläuft in einzelnen Scenen ihr gan⸗ zes Leben.

Er hatte richtig prophezeiht, und Luiſe, die einen Moment regungslos auf ihrem Lager geruht, erhob ſich wieder.

Ihre Augen waren immer feſt geſchloſſen und doch fühlte man die innigen liebevollen Blicke, mit denen ſie zu dem Monde emporſchaute.

Luiſe flüſterte: Holz ſoll ich ſuchen, da drunten im Tannenwald. Hu, es iſt ſo kalt, ſo kalt. Aber ſie wollen mich ſchlagen, wenn ich kein Holz bringe! Und