— 190—
Abſeits von dieſem großen Hauptgebäude der Charité, von dieſem Centrum der menſchlichen Qual und Pein erhebt ſich ein nicht minder großes und ſtattliches Ge⸗ bäude, das mit der weißen Farbe ſeiner Wände und den großen, hellen Fenſtern faſt ein heiteres Ausſehen hat und in der Ferne nicht einem Hospital, ſondern dem behaglichen Wohnhaus irgend eines reichen Par⸗ tikuliers gleicht. Aber je mehr Du Dich dieſem Hauſe näherſt, deſto mehr fühlſt Du ein unheimliches Grauſen Dein Herz beſchleichen, denn hinter dieſen Fenſtern gewahrſt Du eiſerne Gitter, und wo an denſelben ſich hier und da ein menſchliches Antlitz zeigt, da iſt es ein bleiches, von Leiden und Schmerzen durchwühltes Angeſicht, und nirgends grüßt Dich ein lächelnder Mund, ein heiter blickendes Auge. Auch iſt dafür geſorgt, daß Du dieſem Hauſe nicht allzuweit Dich nähern kannſt, denn eine hohe Mauer unſſchließt es ringsum und verbietet Dir den Einblick in den Hof, inmitten deſſen das Haus ſich erhebt. Ziehe nicht an dieſer Klingel, die dort neben dem großen Thore ſich Dir zeigt, wecke nicht die Schläfer dieſes anſcheinend ſo ſtillen Hauſes durch den Schall dieſer Glocke, laß ſie ſchlafen, die armen Unglücklichen, laß ſie ſchlafen und träumen und im Schlummer ihrer Leiden ver⸗ geſſen und ihres unſäglichen Wehes, oder biſt Du vor⸗ witzig genug den Portier aus ſeiner Ruhe aufzuſchrecken, daß er die Pforte Dir öffnet und Dich eintreten heißt durch die enge, ſchmale Thüre? Hüte Dich, hüte Dich, dieſe Schwelle zu überſchreiten, bleibe angſtvoll an der geöffneten Pforte ſtehen und wirf einen troſtloſen, mit⸗ leidsvollen Blick auf dieſen öden Hof, auf dieſes ſtolze, weiße Gebäude mit den vergitterten Fenſtern, und dann kehre um, kehre um, und fliehe von dannen und eile in Dein Zimmer, und laß es Dir, wie ärmlich es auch erſcheinen mag, laß es Dir wie ein ſtrahlen⸗ R


