Teil eines Werkes 
4. Theil (1860) Antonio : eine italiensische Geschichte / von L. Mühlbach
Entstehung
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auch die Mutter der Poeſie. Kein Dichter iſt groß, wenn er nicht naturvoll iſt und wahr, und fern von Unnatur und Lüge.

O wie mir graut, wenn ich an die Welt denke, ſagte Tonina mit leiſem Schaudern,an dieſe Tauſende von Menſchen, die zuſammenge⸗ drängt ſind auf Einen engen Raum, und vom Morgen bis zum Abend in geſchäftiger Thätigkeit umherrennen, und mit all ihren Arbeiten doch nur ſchaffen für das äußere Leben und das äußere Wohlergehen, und darüber die Kräfte ihrer Seele, die zarten Regungen des Gemüthes verdorren laſſen!

Wohl uns, meine Tonina, daß es uns ver⸗ gönnt war, zurückzukehren in den Schooß der Natur, theilhaftig zu werden dieſes Gottesfrie⸗ dens der Schöpfung, und einzuathmen den reinen Hauch ihrer unberührten jungfräulichen Schönheit! Inmitten dieſes Friedens und dieſer Stille wollen wir die Menſchen lieben und die Welt, und fern von ihnen wollen wir nicht gedenken ihrer Schwä⸗ chen und Mängel, ſondern nur ſie vor uns ſehen ſo rein und ſchön, wie ſie einſt hervorgegangen aus der Natur. Predigt doch die Natur eine ewige verzeihende und verſöhnende Liebe, und iſt doch jeder Baum ein Crucifix, vor dem wir nie⸗ derſinken und beten ſollen um die Vergebung un⸗ ſerer eignen Sünden, und in ſolchem Gebet liegt aauch Vergeben und Vergeſſen alles fremden Lei⸗