Teil eines Werkes 
4. Theil (1860) Antonio : eine italiensische Geschichte / von L. Mühlbach
Entstehung
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hat der Krampf des Todes dieſe ſchmalen Lippen geſchloſſen, daß ſie nun kein Wort hienieden mehr ſagen werden. Nicht ein einziges Wort der Liebe und des Troſtes mehr zu jenem wimmernden Kna⸗ ben, der bebend vor Schmerz zu den Füßen der Leiche kauerte, und ſeit mancher langen Stunde von dieſer Schlummernden das Erwachen begehrte. Den ganzen verwichenen Tag und dieſe endloſe Nacht hatte er ſo an dem Lager ſeiner Mutter gekniet, und mit tauſend Liebesworten ſie beſchwo⸗ ren, ſich aufzurichten, und zu ihm, ihrem Sohne, ihrem Antonio zu ſprechen. Dann lauſchte er lange, lange auf eine Antwort, die der geſchloſſene Mund ſeiner Mutter ihm heute zum erſten Male verſagte, er lauſchte ſo lange, bis ſein eignes lautes Weinen ihn ſtörte. Nun warf er ſich über die Leiche, und küßte die Lippen ſeiner Mutter und jammerte leiſe:Ach, was habe ich denn gethan, daß Du nicht zu mir ſprichſt, meine Mutter? Du biſt ſo ſtill und regungslos, Du antworteſt mir nicht? Und haſt Du mir nicht verſprochen, mir

heute noch von Deiner Heimath zu erzählen, von

dem ſchönen Deutſchland? Ach, warum ſchläfſt Du denn jetzt ſo lange, und willſt gar nicht er⸗ wachen?

Zitternd in der Angſt der Liebe ſtreichelte der Knabe die Wange ſeiner Mutter, und blickte mit flehendem Ausdruck in dieſe geliebten Züge, und aun, als er die halb geöſſneten Augen der Leiche