465
Amine legte das Kleid an, warf ſich wieder auf das Bett und verſuchte, ſich den Traum in's Gedächtniß zu rufen, aus dem ſie aufgeſtört worden war— aber vergeblich. Zwei Stunden ent⸗ ſchwanden und nun erſchien der Kerkermeiſter mit der Aufforderung, ihm zu folgen. Vielleicht iſt es einer der ſchrecklichſten Gebräuche bei den Inquiſitionsgerichten, daß die Gefangenen, mögen ſie nun ihre
Schuld bekannt haben, oder nicht, nach der Anklage wieder in ihre
Kerker zurückkehren müſſen, ohne ſich die mindeſte Vorſtellung über ihr Urtheil machen zu können, und wenn ſie am Morgen der Hin⸗ richtung vorgeladen werden, befinden ſie ſich noch in der gleichen Ungewißheit. Die Kerkerknechte holten die Gefangenen aus ihren verſchiedenen Zellen ab und führten ſie in eine große Halle, wo die Leidensgenoſſe en verſammelt blieben.
In dieſem weiten, ſchwach beleuchteten Raume ſah man ungefähr zweihundert Menſchen gleichſam zur Unterſtützung an die Wände gelehnt; ſie waren Alle in ſchwarz und weißen Sarſche gekleidet und ſtanden ſo regungslos, ſo eingeſchüchtert da, daß man ſie hätte für Bildſäulen halten können, wenn nicht das Rollen ihrer Augen, ſo oft die Kerkerknechte ab⸗ und zugingen, das Gegentheil verkündet hätte. Es war die Angſt der Ungewißheit, die noch weit ſchlimmer iſt, als die Angſt des Todes. Nach einer Weile wurde jedem Gefangenen eine ungefähr fünf Fuß lange Wachskerze in die Hand gegeben, und dann erhielten Einige den Auftrag, über ihre Kleider die Sanbeni⸗ tos— Andere die Samarias anzulegen. Diejenigen, welche die mit Flammen bemalten Kleider erhielten, gaben ſich für verloren,
und es war ſchrecklich, die Angſt jedes Einzelnen mit anzuſehen,
wenn die Anzüge nach einander hervorgebracht wurden; entſetzt und mit großen Schweißtropfen auf der Stirne harrten ſie, ob nicht vielleicht auch ihnen das ſchreckliche Symbol dargeboten würde. Alles war Zweifel, Furcht und Todesangſt!
Aber die Gefangenen dieſer Halle gehörten nicht unter die
Marryat. Der fliegende Holländer. 30.


