Teil eines Werkes 
10. Band (1857) Der fliegende Holländer / von Kapitän Marryat ; neu aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

Was ſoll das, mein Sohn? fragte der Prieſter.Fürchteſt du nicht, die Ruhe deiner Mutter zu ſtören, und willſt du mauſen und ſtipitzen, noch ehe ſie unter dem Boden liegt?

Die Ruhe meiner Mutter fürchte ich nicht zu ſtören, guter Vater, verſetzte Philipp ſich aufrichtend,denn ſie iſt bereits unter den Seligen. Auch iſt es nicht meine Abſicht, etwas zu mauſen, denn ich ſpähe nicht nach Gold, obgleich ich mir es mit Recht zu⸗ eignen könnte, wenn welches vorhanden wäre. Mein Suchen gilt bloß einem Schlüſſel, welcher, wie ich glaube, ſeit lange in dieſem geheimen Schubfache verborgen liegt, das ich nicht zu öffnen verſtehe.

Deine Mutter iſt nicht mehr, ſagſt du, mein Sohn? Und todt, ohne die heiligen Sterbſakramente empfangen zu haben? Warum haſt du nicht nach mir geſchickt?

Sie ſtarb plötzlich guter Pater ganz plötzlich erſt vor ein paar Stunden in dieſen meinen Armen. Für ihre Seele bin ich unbekümmert, obgleich es mir ſehr leid thut, daß Ihr nicht an ihrer Seite wart.

Der Prieſter öffnete ſachte die Vorhänge und blickte auf die Leiche hin. Dann ſprengte er etwas Weihwaſſer auf das Bette und verharrte eine geraume Zeit in ſtummem Gebete. Endlich wandte er ſich gegen Philipp um.

Warum ſehe ich dich aber ſo beſchäftigt, und was iſt der Grund, daß du ſo ängſtlich nach dieſem Schlüſſel ſuchſt? Der Tod einer Mutter ſollte doch wohl geeignet ſein, kindliche Thränen und Gebete für ihre ewige Ruhe hervorzurufen. Und doch ſind deine Augen trocken. Du bemühſt dich, einen gleichgültigen Gegenſtand aufzuſuchen, während die Hülle noch warm iſt, aus der vor Kurzem der Geiſt entwich. Das iſt durchaus nicht ſchicklich, Philipp. Was iſt's mit dem Schlüſſel, den du ſuchſt?

Vater, ich habe keine Zeit zu Thränen keine Zeit für Schmerz oder Weheklagen. Es bleibt mir viel zu thun, und ich

5