Teil eines Werkes 
1. Band (1872)
Entstehung
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ſie Tante nannten, weil der Vater es ſo gewünſcht. Niemand fragte nach Kathrin's Jugend; die Greiſin erſchien der jüngern Generation wie ein Ueberbleibſel aus grauer Vorzeit; ihre Vergangenheit lag wie der Gipfel des Chimboraſſo in ewigem Nebel, und da ſie ſelbſt den Schleier nicht lüftete, ſo war Alles, was man von ihr wußte, daß ſie eben Tante Kathrin ſei, die von jeher im Hauſe geweſen und dazu gehörte.

Sie verſtand es trefflich, die Neugier, ohne ſie zu befriedigen, einzuſchläfern; nur zuweilen erzählte ſie recht intereſſant von ruſſiſchen Sitten und Eigenthüm⸗ lichkeiten, aber ſtets ſo, daß man aus reger Theil⸗ nahme und Bewunderung ihrer Schilderungen vergaß, nach ihrem eigenen Schickſale zu fragen.

Im Stammbaume der Ultritze hatte ſie aber doch einen Platz. Die erſte Frau des verſtorbenen Grafen

war eine Gräfin Leonie Cronoff geweſen und Kathrin

war die Bruderstochter eines Onkels derſelben. Kath⸗ rin's Aeltern waren in Sibirien geſtorben. Wer küm⸗ merte ſich um die vergeſſene Geſchichte einer jetzt ur⸗ alten Matrone?

Und doch dachte Jemand daran.

Das Zwiegeſpräch der Tante mit dem Miniſter, das Heinrich Wermuth zum Theile belauſcht, war ihm

höchſt ſonderbar und des Nachdenkens werth erſchienen. 11*