198 Die Bußung, oder
ward ich gewahr, daß eine weibliche Geſtalt neben mir ſtand und mit lieblicher Stimme flüſterte:„ Erheb' Dich, Ardent!« Ich antwortete:»Biſt Du es, Honoria?« und die Stimme verſetzte:»Blick' auf und ſiehe!« Und nicht Honoria, ſondern Douna Iſidora ſtand neben mir.
Und als ich ſie ein Weilchen betrachtet hatte, ge⸗ wahrte ich, daß ſie unausſprechlich ſchön war, und aus dem Glanze ihrer Augen ſtrahlte ſie Freundlichkeit und ſeelenerquickende Liebe auf mich herab. Ich wunderte mich, daß ich ſie ſo oft betrachtet, und doch nie zuvor entdeckt hatte, wie ihre Lieblichkeit von Ewigkeit her geſchaffen zu ſein ſchien, mir eine Gefährlin zu werden, ſobald Buße und Vergebung mich von allen Mängeln der Sterblichkeit geläutert haben würden.
»Von wannen kommſt Du, Iſidora?« ſprach ich. »Sage mir, Allerſchönſte, ob meine Sinne mich äffen, oder ob Du in Wahrheit mir nahe biſt?«
»Ich bin es.«
„»Von wannen kommſt Du?«
»Ju einem von Zeit und Stürmen zerrütteten Schiffe
ward ich auf den Wogen hin⸗ und hergeworfen. Ich
bin nur im Geiſte bei Dir. Mein ſchwacher Körper liegt, ſeiner Sonderung von mir ſich unbewußt, in ſtar⸗ rem, jedoch unruhvollem Vergeſſen. Er iſt nicht der Körper, in welchem Du mich jetzt ſiehſt, ſondern er iſt ermüdet und ziemlich abgehagert.«
»Schon gut,“« ſagte ich emphatiſch—»wie ſteht's um meine Aeltern?«
»Frage nicht. Ich kann meine Sendung nicht über⸗ ſchreiten. Ich bin nur hier, um Dich zu den Füßen des ewigen Thrones zu führen. Steh' auf und komme.“
»Ich wollte, Du wäreſt Houoria,« entgegnete ich; „mitſammen wollten wir dann ihre Sache vertreten—⸗


