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166 Die Büßung, oder
Nachdem ſich der Sturm meiner Empfindungen ge⸗ legt hatte, ſchalt mein Vater mich ein wenig, daß ich ſo krampfhaft empfindlich ihn nicht gleich aufgeſucht, und der väterlichen Liebe ſo wenig Erkennungsvermögen zugetraut hatte. Dann bemühete er ſich, durch gutmü⸗ thigen Scherz mir den Gedanken wegzulachen, als ſei ich ein dem Elende fortwährend preisgegebener Menſch. Um mich deſto kräftiger zu einer geſunden Gemüthsſtim⸗ mung aufzurütteln, erzählte er mir, wie er in meinem Alter plötzliche Anwandlungen von Niedergeſchlagenheit gefühlt hatte, daß dieſelben doch nur ſo lange dauerten, bis irgend ein wirkliches Leid ihn traf. Er hob mir hervor, wie die beſten Elemente zur Glückſeligkeit mich umringten, und daß es nicht nur thöricht, ſondern gott⸗ los wäre, einer Schwermuth nachzuhängen, die, wäh⸗ rend ſie meinen eigenen Frieden untergrübe, auch die Glückſeligkeit derer gefährdete, die kein Elend, aus mei⸗ ner Hand ihnen gereicht, verdienten. Ich ſtimmte Allem bei, was mein Vater ſagte, und gelübdete im Geiſte, daß ſo gute Rathſchläge auf keinen unfruchtbaren Bo⸗ den fallen ſollten.
Wir trennten uns an jenem Abend als friederfüllte, hocherfreuete Familienglieder. Ich beſchloß glücklich zu ſein, beſchloß, meinen Buſen von dem gefährlichen Stoffe, den ich darin aufgenommen hatte, zu läutern, und betete um Befeſtigung dieſer meiner Vorſätze. Meine Schweſter— noch ein bloßes Kind— kaum vierzehn Jahre alt— ich ward gefaßter. Meine leidenſchaftliche Bewunderung, meine plötzliche Liebe waren einer Frem⸗ den gewidmet geweſen;»jetzt,« ſagte ich triumphirend, indem ich in der Ueberzeugung der Wahrheit ſprach— „jetzt iſt dieſe Fremde nicht mehr vorhanden, vorhan⸗ den alſo iſt auch nicht mehr die wahnſinnige Leiden⸗


