136 Die Büßung, oder
erhielten, als Ihre Wangen wieder der Geſundheit
Farbe annahmen und Ihr Gemüth ſeine frühere Heiter⸗ keit wiedererlangte, erwartete ich bei Ihnen einen hö⸗ heren Ausdruck von Dankgefühl.«
»Wie? Ich undankbar? O Juliano, Sie treten mich zu Boden, Sie vernichten mich! Ehe Sie ſo von mir denken, möchte ich lieber zu Ihren Füßen knien und Sie bitten, mich zu tödten.«
»Nicht gegen mich waren Sie undankbar, nicht ge⸗ gen mich, lieber Ardent! Mir verdanken Sie nichts. Blicken Sie auf Ihren himmliſchen Beſchützer! Könnte wohl der menſchliche Geiſt durch irgend Etwas den Gegenſatz unſterblicher Glückſeligkeit und irdiſchen Elen⸗ des treffender erkennen, als im Erwägen deſſen, was Sie auf dem Meere und unten im Schiffe erduldeten, und wodurch Sie erfreut wurden? Dennoch haben Sie dieſen Beweis der unendlichen Barmherzigkeit Gottes niemals, weder geſprächsweiſe noch durch Theilnahme am öffentlichen Gottesdienſte, ja, ich fürchte, nicht ein⸗ mal im ſtillen Gebete anerkannt!«
»Mit Beſchämung geſtehe ich, daß Sie Recht ha⸗ ben— wie grauſam erforſchen Sie mein Herz!«
»Nicht grauſam, ſondern von Herzen freundlich, lieb⸗ reich, brüderlich. Iſidora erwartete ſo wenig, als ich, ſolche Herzenshärtigkeit von Ihnen.⸗
»Julian, ich fühle mich erniedrigt vor Ihnen, und noch dieſe Nacht will ich in der Stille meines Käm⸗ merleins—«
»Das wird nicht genügen! Thun Sie es immer⸗ hin, aber genügen wird es nicht! Sehen Sie dieß edle Tempelgebäude— ſchauen Sie, wie deſſen altersgraue Thürme himmelwärts ſtreben! Sehen Sie, wie dar⸗ über der Mond in durchſichtiger Reinheit, einer gerecht⸗


