98
ungewöhnlicher Strenge ſeine Herrſchaft geltend gemacht, hatte man den Geneſenden ſehr langſam an den Genuß der friſchen Luft gewöhnen können. Nur an den hellſten Som⸗ mertagen führte die liebliche Fanni, ſeine Tochter, ihn durch die zugfreieſten Anlagen des Gartens. Man war überein⸗ gekommen, in den erſten Tagen nach dem heiligen Oſterfeſte, am zehnten April, die Geneſung des geliebten Gatten, Vaters und Freundes förmlich zu feiern.
„Und willſt Du mich gar nicht über den großen Raſen⸗ platz nach dem Wäldchen, meinem Lieblingsplatze, führen, mein Kind?“
„Ich darf es nicht, Herzensväterchen; es weht dort immer ein ſcharfer Wind, und der Einſturz des Nebenhauſes macht den Anblick recht unfreundlich. Nicht wahr, Du folgſt mir lieber in die große Allee, wo wir geſchützt von keinen Lüftchen berührt wandeln können?“
„Nun, führe mich, wie Du willſt, Du kleine herrſch⸗ ſüchtige Perſon. Kraft⸗ und willenlos muß ich mich ſchon von meinen Kindern leiten laſſen. Aber warte nur; ich will's Euch vergelten und Euch mit demſelben Maaße meſ⸗ ſen, mit dem Ihr mich gemeſſen habt,“ ſprach der freund⸗ liche Mann, die roſigen Wangen ſeiner Führerin mit den hagern, bleichen Händen ſanft klopfend.


