331
Jede Sekunde horchte ſte, bald auf ein Geräuſch von der Straße, bald nach dem Fluß; jeder Schritt in der Ferne ſchreckte ſie auf, bei jedem Laut fuhr ſie zu⸗ ſammen.
Daurch die dicken, in Blei gefaßten, rautenförmi⸗ gen Fenſterſcheiben verſuchte die junge Herzogin die Bewegungen und Rufe der verſchiedenen Gruppen zu enträthſeln, welche auf dem Marktplatz unten in ver⸗ wiſchten Umriſſen aus dem Nebel auftauchten; hin und wieder drang ein bleiches, zitterndes Licht durch den dicken Dunſtkreis; auch fernes Klopfen und Häm⸗ mern konnte ſie vernehmen. Dieſe Schatten und Irrlichter, dieſes ſeltſame Getöſe wirkten auf Ka⸗ tharina wie der Druck eines ſchweren, ſchreckhaften Traums.
Gerade unter ihrem Gemach erwarteten zwei der Herzogin ergebene Männer die Ankunft Fryon's und des Gefangenen, und lauerten, um ihnen zu öffnen, noch ehe ſie anklopfen würden. Zwei andere Diener ſtanden in der Barke, die ſte nur noch am Tau feſt⸗ hielten, ſo daß ſte unmittelbar nach dem Einſteigen der Fluchtlinge vom Land ſtoßen konnten.
Es war auf dem Punkt, Sieben zu ſchlagen. Ein ſchneller Tritt hallte die Straße herauf, kam näher — hielt ſtill. Katharina ſtürzte nach der Treppe.
Bleich, mit Blut bedeckt, lag Fryon zu den Füßen der Herzogin. Keuchend, mit trockner Kehle, ver⸗ ſuchir er zu ſprechen; er konnte nur die Worte ſtam⸗ meln:
„Alles iſt verloren! Wir ſind verrathen! flieht!“
„Und Richard, wo iſt er?“ rief Katharina, die Hände ringend.


