Teil eines Werkes 
1. Theil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 2u— und gefaͤllige Ehrfurcht ſelbſt den zornſuͤchtigen Geſellen und den Murrkoͤpfen, wenn ſie ihm unterweges begegneten, ein Laͤcheln ab; und ſo war der arme Menſch, ohne ge⸗ waltſame Stuͤrme, gluͤcklich uͤber die Sechszig hinaus geſchifft.

Zwar hatte auch er ſein Theil Galle an der Leber hangen; dieſe beſtaͤndige Uebung im Dulden, dieſe Selbſt⸗ verleugnung, mit welcher er Andern jederzeit Recht gab, ſo viele bittere hinuntergeſchluckte Biſſen, ohne ſich zu aͤußern, hatten ſelbſt ſein ſanftes Gemuͤth zur Heftigkeit gereizt, und ſeine Geſundheit wuͤrde gewiß darunter ge⸗ litten haben, wenn er nicht hin und wieder eine Gelegen⸗ heit, ſeinem Herzen Luft zu machen, feſtgehalten haͤtte. Gab es doch auf Erden und in ſeiner eigenen Umgebung Leute, von deren Unfaͤhigkeit, Boͤſes zu ſtiften, er uͤber⸗ zeugt war; gegen dieſe durfte er bisweilen der boͤſen, lange angehaͤuften Laune eine Ergießung geſtatten, durfte ſeiner⸗ ſeits auch einmal den Grillenfaͤnger ſpielen, und ohne Urſache ſchreien. Dabei war er ein ſtrenger Tadler der Leute, die nicht nach ſeinen Anſichten lebten; doch mußte ſich der Tadel ohne die entfernteſte Gefahr ausſprechen laſſen. Wer Schlaͤge bekommen, war in ſeinen Augen wenigſtens ein Unkluger; und ein Gemordeter hatte ſich im Leben immer als ein unruhiger Tollkopf benommen. Jedem, welcher ſein Recht gegen einen Maͤchtigen behaup⸗ tete, und mit wundem Kopf aus dem Handel gekommen war, wußte Don Abbondio beſtaͤndig ein Unrecht zu fin⸗ den; und das war nicht ſchwer, denn Recht und Unrecht ſind nie durch einen ſo glatten Schnitt geſondert, daß jeder Theil ſich durchaus nur im Beſitz des einen befaͤnde.

8