— 203—
die Stadt und den nie ſo bereit geweſenen gerechten Willen. Als der Herzog ihm lächelnd nachgeſehen hatte, wendete er ſich gegen Breido und ſah ihn herausfordernd an, als ob er ſagen wollte:—„Habe ich es Dir recht gemacht?“ — Als er aber bemerkte, daß jener eine Antwort geben wollte, rief er plötzlich mit heftig befehlendem Tone:— „Die Freunde ſollen aufſitzen— fort nach Harſte!“—
Die Vesperglocke ſendete ihren Andachtsruf durch die ſtille Luft des blauen, ſonnigen Tages der Pfingſtwoche; um dieſe Zeit war die Kapelle des Bollrutz mit Wachs⸗ kerzen erleuchtet, vor dem Altare ſtand ein koſtbares Tauf⸗ becken von Silber auf einem ſteinernen Säulenſtuhle; die Strahlen der ſinkenden Sonne, welche die bunten Fenſter durchdrangen, fielen mit rothem Lichte auf das Taufbecken und färbten das darin befindliche Waſſer wie Blut. Es waren in der Kapelle der Rathsmann Werner Roden, der Brauherr Helmold und Henricus anweſend, welche um eine weiß gekleidete, ältere Frau ſtanden, auf deren Arme ein, wie in Schnee gebettetes, fünfzehn Tage altes Kind in weißem Kleide und Häubchen mit reichem Silber⸗ und Spitzenbeſatz lag.
Die Kunde nämlich, daß der Herzog des Werner Roden neugebornen Knaben ſelbſt aus der Taufe heben und ihm ſeinen Namen Otto geben wolle, verbreitete ſich ſchnell durch die Stadt; die Herzogin ſelbſt hörte es von Henricus mit Erſtaunen, aber nicht ohne das ſtille Gefühl der Trauer da ſie an den ſinnlichen Blick denken mußte, welchen einſt der Gemahl auf die ſchöne Brigitte gerichtet hatte. Berthold


