Teil eines Werkes 
1. Theil (1860) Das Turnier zu Göttingen / von Hermann von Maltitz
Entstehung
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Margarethe hatte den Gemahl ruhig leidend, mitlei⸗ dig und wehmüthig angehört; mehr und mehr war der Zug der Verachtung unfreiwillig in ihre Miene gekommen. Einmal war ſie unbewußt einen Schritt zurückgewankt. Jetzt ſenkte ſie das Geſicht nieder und preßte die Hände auf die Bruſt.

Sieh' mich an und vergieb Deine Würde nicht ſagte Otto, die Hand ausſtreckend, um ihr Kinn auf⸗ zurichten. Kaum aber fühlte ſie ſeine Berührung, als ſie erſchrak, zurückwich und in der Höhe des Schmerzes aus⸗ rief:ehe dieſe Hand mein reines Leben entweihe, will ich lieber in einem Kloſter mich vor Eurem Frevel ber⸗ gen! Otto der Argwohn eines Weibes an des Man⸗ nes Treue und Tugend iſt ein Gift, das ſchmachvoll tödtet; rettet mich vor dieſem Elend, ſeht, ich bin zu Euch gekommen, wie eine treue Magd zu ihrem Herrn reinigt Euch vor Gott und meinem Angeſichte; iſt dieſe Hand rein von gemeinem Mord, iſt Euer Mund nicht an mir zum Lügner geworden, Euer Herz nicht zum Verräther an der Mutter Eures Sohnes?

Das Beten und Grübeln hat Euch zur Thörin gemacht; bringet mir friſches Blut, Lebensluſt, mun⸗ teren Sinn, lachende Lippen und ein Verlangen, das nicht fragt, ob es ſündig iſt, wenn es ergötzt und ich werde Euch willkommen heißen. Fromme Weiber ſuche ich nicht, das merkt Euch und findet Euch darin. Nach dieſen Worten drehte ſich der Herzog um, ſchritt gegen das Fenſter und pfiff ein Reiterlied.

Margarethe athmete mühſam, ſchwankte und bedeckte das Geſicht mit den Händen.