Teil eines Werkes 
1. Theil (1860) Das Turnier zu Göttingen / von Hermann von Maltitz
Entstehung
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waltthätigkeiten und Beraubungen; die Ritter und Städte lebten in einer ununterbrochenen Feindſchaft und Fehde miteinander, und die Fürſten würden an den Städten einen mächtigen Beiſtand gegen die Uebermacht und die Uebergriffe der Ritterſchaft gefunden haben, wenn ſie nicht ſelbſt geheime oder offene Feinde der Städte und eifer⸗ ſüchtige Beobachter der aufblühenden, bürgerlichen Wohl⸗ habenheit geweſen wären, die ihnen ſelbſt um ſo gefähr⸗ licher drohete, als mit dem Emporblühen der Städte auch ihr Trotz und, mit der Kraft des Vermögens auch das Verlangen wuchs, ſich der Hoheit der Fürſten zu ent⸗ ziehen, nach Reichsunmittelbarkeit zu ſtreben und ſelbſt⸗ ſtändig zu werden.

Herzog Otto der Quade, der Herr an der Leine, war mit dem Ritterthum ſeiner Zeit zu ſehr durch Neigung und Fehdeluſt befreundet, um nicht mit ihr auch ein ge⸗ borner Feind der Städte und Bürger zu ſein, aber er blieb auch als regierender Fürſt ein Genoſſe der Ritter⸗ ſchaft, deren Leben und Gelüſte er theilte und deren Freund⸗ ſchaft ihm nützte, um ſie ſeiner eigenen, unerſättlichen Streitluſt und Ausübung des Fauſtrechts behülflich und willfährig zu machen.

Dies iſt das allgemeine Bild der Zeit, in welcher die Perſonen und Ereigniſſe, welche wir hier zu ſchildern be⸗ abſichtigen, vor der Phantaſie des Leſers und dem Hin⸗ tergrunde der Geſchichte, auftreten werden.

Das heutige, feierliche Turnier hatte eine große Zahl von Rittern und Edelfrauen auf dem Bollrutz, der fürſtlichen Burg in Göttingen, und in den Adelshöfen und Gaſthäuſern der Stadt verſammelt. Die feſte Burg