Teil eines Werkes 
2. Theil (1860) Das Turnier zu Göttingen / Hermann von Maltitz
Entstehung
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vor dem Rathhauſe und auf dem Markte ſtanden und der immer kriegsluſtige, beutegierige Pöbel ſeinen Jubel zwiſchen den Ernſt miſchte, welchen die wohlhabenden Bürger zur Schau trugen.

Wir blickten bereits flüchtig zur Zeit des Frühabends in das Brauhaus der Gotmargaſſe und ſahen der rührigen Arbeit der Knechte auf der Hausdiele und vor der Thür zu; die dreiarmige Hängelampe erhellte den inneren Flur⸗ raum, die Fenſter im oberen Stock, zu dem die Gallerie führte, waren erleuchtet. Hier im Gemache ſaß die edle, ſchöne Geſtalt Gertrude's, auf dem Schooße ein halbjäh— riges Kind haltend und mit Selbſtvergeſſenheit in das ſchlummernde Angeſicht des lieblichen Kleinen niederſchauend; ihre Mutter war im Hauſe beſchäftigt, es herrſchte tiefe Stille im Gemache, nur das Geräuſch der arbeitenden Knechte unten, das hohle Rollen der Fäſſer, das Schnarren der Seilwinde tönte von draußen herauf. Als Frau war Gertrude noch ſchöner geworden; das befriedigte Herz, der ſichere Beſitz, die Ruhe des Gemüths hatten alle Züge der Angſt und Noth aus ihrem Antlitze verwiſcht und ihrem Auge eine anmuthige, zufriedene Milde gegeben; heute aber lag eine ſtille Wolke in ihrem träumeriſchen Blicke, wie früher, vor zwei Jahren; ſie ſchien an jene Zeit, an die bereits vergeſſenen Tage der Angſt und Verzweiflung er⸗ innert zu ſein, denn das Lächeln, das ihr das Anſchauen des Kindes abnöthigte, war wehmüthig und als plötzlich die Thür geöffnet wurde, erſchrak ſie faſt, wie im gewalt⸗ ſamen Erwachen aus dem träumeriſchen Verlorenſein in weite, ferne Gebiete des Lebens. 3