Teil eines Werkes 
2. Theil (1860) Das Turnier zu Göttingen / Hermann von Maltitz
Entstehung
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riß mich von der Hand des Knaben los und ſtürzte zurück durch den langen Saal gegen mein Gemach. Aber ſofort hörte ich Sporentritte hinter mir, ein Tuch fiel über mein Geſicht und brachte mich zum Stillſtehen, eine Hand drückte ſich feſt auf meinen Mund, ein Arm ſchlang ſich um meinen Leib. Im Kampfe mit dem Gegner gelang es mir, einen gellenden Schrei auszuſtoßen. Ich wurde ohnmächtig, aber, meiner Lage bewußt, fortgeſchleppt; ein heftiges Ge⸗ flüſter vernahm mein vom Schreck brauſendes Ohr eine Stimme rief:Halt! ich erkannte des Henricus Ton; der Arm, der mich hielt, ließ mich gleiten, ich ſank in die Kniee, riß das Tuch vom Geſichte und ſah Lichtglanz, der mich blendete die Herzogin, im weißen, langen Nachtkleide, aufgelöſtem Haar, einen Pagen mit brennender Kerze neben ſich, eilte herbei eine Hand hob mich empor, ich blickte in des Paters erhitztes Angeſicht.Was iſt hier vorge⸗ fallen? rief die Herzogin, in großer Aufregung, mich und den Pater anblickend.Ein neuer Raubverſuch ſprach Henricus;eben, als ich von Eurer Gnaden nach dem mitternächtigen Gebete fortging, ſah ich die Thür offen, die zu der jahrelang verſchloſſenen Gallerie führt, die Eure Gemächer mit dem Altane über dem Burggraben verbindet; der Hellebardier, der hier gewöhnlich ſeinen Poſten hat, war nicht da; ich folgte im Mondlichte der Rich⸗ tung der Gallerie, hörte den Hülferuf, und ſah einige Per⸗ ſonen über den Altan ſteigen und im Schatten verſchwinden. Eben gelange ich hier an. Die Herzogin war lange ſtumm und unbeweglich dann ſah ſie mich gedankenvoll an. Ihr Anblick that mir ſo weh, daß ich mich vor ihr

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