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als ein Theilchen jener Collektivſeele des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts? Auch jeder einzelne Menſch, der einen Theil un⸗ ſerer Gattung ausmacht, hat einen unſterblichen, unver⸗ gänglichen Geiſt, der verſchmolzen iſt mit jener Seele des Vaterlandes und des Menſchengeſchlechts, für die es ſo ſchön und ſo ſüß iſt, ſich aufzuopfern, zu leiden und zu ſterben. Deßhalb ſind wir nicht erhobene Thoren, ſondern Weſen, die ihrem ſittlichen Inſtinkte gemäß handeln und die nach Erfüllung dieſer Pflicht noch leben, in der Un⸗ ſterblichkeit noch in den Geſchicken der Menſchheit Leiden und Genuß finden werden.“
„Der Tod,“ fügte er dann mit mehr Feierlichkeit binzu,„iſt nur der gewaltigſte Akt des Lebens, denn er erzeugt ein höheres Leben. Wäre dem nicht ſo, ſo gäbe es ja etwas, was größer wäre als Gott. Das wäre der gerechte Mann, wie wir, der ſich ohne Lohn und ohne Zu⸗ kunft dem Vaterlande opfert! Dieſe Annahme, ich ver⸗ werfe ſie mit Verachtung. Nein, Vergniaud iſt nicht größer als Gott, aber Gott iſt gerechter als Vergniaud, und wird ihn nur deßhalb auf ein Schaffot führen, um ihn in der Zukunft zu rechtfertigen und zu rächen.“
„Wohlgeſprochen!“ rief ein Girondiſt, als Vergniaud geendet.„Aber ich beſitze in meinem Herzen einen Beweis, welcher zuverläſſiger iſt, als alle Beredtſamkeit eines ſterbenden Genies, das iſt das Wort eines für die Menſchen geſtorbenen Gottes.“
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