Teil eines Werkes 
2. Theil (1861)
Entstehung
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ſie das Räthſel ungelöſt, aus Furcht, die Löſung könnte ihr den duftigen Traum ihrer Seele zerſtören, ſie in die Proſa des Lebens troſtloſer zurückwerfen. Aber wenn ſie allein war, ganz allein, dann zog ſie aus der Schatulle die be⸗ ſchriebenen Blätter hervor und berauſchte ſich an dem Geiſt, an dem helleniſchen Hauch, der ihr daraus entgegenwehte. Es war dann die Stunde, in der ſie Zwiegeſpräch hielt mit ihrem Geheimniß..

Ja, Allen unbewußt, vielleicht ſich ſelbſt noch, barg dieſer herrliche Buſen ein Geheimniß erſter Liebe, ſehnſüch⸗ tiger, berauſchender Frauenliebe. Sie war eine Dame der Hofwelt geweſen und mit Lächeln, mit Witz und Geiſt hatte ſie darin ihre glänzende Rolle geſpielt, ohne daß das Herz dieſer innerlich züchtigen, ſanftſchwärmeriſchen, edlen Na⸗ tur bei den Liebeserklärungen der Cavaliere je heftiger als gewöhnlich geſchlagen. Der Herzog von St. Aignan hatte ſie geheirathet und ſie war glücklich mit ihm, eine Leidenſchaft hatte ſie nie gekannt, jetzt, wo ſie eine ſolche für André empfand, verwirrte ſie ihr Gemüth wie etwas Unerklärliches; ſie ſuchte gern, begierig, die Stunden auf, um mit dem nie gekannten Gefühl zu kämpfen, ſtill, ge⸗ heimnißvoll, bis die Sonne des wirklichen Lebens wieder durchbrach und der Sturm ſich in das Bett ihres Herzens zurücklegte, um von ihr, wie mit Neugier, in guͤnſtiger Zeit wieder heraufbeſchworen zu werden.

Glückliche Valerie! fluͤſterte ſie vor ſich hin und