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Haupt in die weiße, ſchmale Hand geſtützt, die ſanften Augen mehr und mehr wie von einem mächtigen Ge⸗ fühl belebend. Von dieſer hohen Alabaſterſtirn, überragt von einem prachtvollen Haar in ſorgfältigſter Friſur, ſtrahlte ein Adel, eine Majeſtät, die durch die innige Sanftmuth ihrer Augen und die Grazie, in welche ihre ganze Er⸗ ſcheinung ſich wiegte, einen zauberiſchen Eindruck machte. Die Toilette der jungen Frau, die kaum vierundzwanzig Jahre zählen konnte, erhöhte ungemein dieſen Eindruck. Aus dem weißſeidenen, mit Silberſtoff überzogenen Mie⸗ der hob ſich eine herrliche Büſte; unter dem, von Silber⸗ ſchnüͤren gehaltenen duftigen Bruſttuch ſah man die Pracht eines Buſens auf⸗ und niederwogen und der runde Arm ragte halb entblößt aus der reichen Spitzengarnitur ihres Aermels in blendender Weiße hervor. Ein weißes Atlas⸗ kleid, vorn mit roſaſeidenen Schleifen geziert, wogte von den ſtolzen Hüften herab auf den Teppich, und Dank der Unachtſamkeit, welche ihr Alleinſein und ihr Verlorenſt ein in die Schriften bewirkt, hat ſich die ſchwere Robe durch die geſtickte Fußbank verſchoben, auf dem nun frei ein Dianafuß in weißem Atlasſchuh ſich zeigt, umhüllt vom durchbrochenen Seidenſtrumpf, durchſchimmernd mit dem zarten Roſa ſeiner Haut.
Es waren Gedichte, die ſie ſo eifrig las, Gedichte André Chéniers, des byzantiniſchen Apoll, Fragmente, Bruchſtucke, gefeilte Verſe, wie er ſie niedergeſchrieben in


