—
155
Angſt, Hoffen und Entſetzen hatten ihre Sinne verwirrt — in tollen Phantaſien mattete ſich ihr Geiſt ab und dem brennenden Hirn entſtiegen die qualvollſten Bilder, zuſam⸗ mengeſetzt aus den Erfahrungen, die ſie erlitten. Bald rief ſie angſtvoll nach Hilfe, nach Andre; bald ſtieß ſie jene gellenden Töne aus, wie damals, als Baſile ſie über⸗ fallen; der Schmerz ihres Kerkerlebens wechſelte mit den entſetzlichen Gedanken an die Blutſcenen auf dem Corridor der Salpetrière, wo ihr der Mörder das blutige Frauen⸗ bein ins Geſicht geworfen. Nur ſelten war dieſer raſende Kreislauf ihres Blutes ermattet und hatte ſie in Lethargie verſenkt; immer heftiger und grauenvoller war dann das Fieber zurückgekehrt und ſo raſte ſich ihr Leben ſichtlich ab. Bleich, die Augen gläſern und geröthet, ein ewiger Schweiß auf der marmornen Stirn, das ſchwarze Gelock wild und naß um die Schläfen, ſo lag ſie, die Unglückliche, ein Bild des gebrochenen Lebens, deſſen flammender Reſt einen furchtbaren Kampf mit dem Tode beſtand.
Und Tag und Nacht ſaßen an ihrem Lager die, welche ihr Leben zu erhalten ſtrebten; der Arzt, André und Urſula, zuweilen auch Jean mit ſeiner Frau. Sie ſaßen da und ſtarrten mit Thränen in den Augen hoffnungslos auf die Kranke, hörten dieſe ewig ſich wiederholenden, in tollſten Verſchlingungen abwechſelnden Fieberphantaſien mit an, unfähig zu helfen und zu retten und doch immer bereit, das Unmögliche zu verſuchen.


