Druckschrift 
Der Schiffscapitain : eine Erzählung für Jung und Alt / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

119

danke, die Glocke zu ziehen. Welche wunderſamen Empfin⸗ dungen erfüllten mich in meiner Jugend, wenn die Glocken in der Frühe des Sonntags in meine Träume hinein klan⸗ gen! Indem ich läutete, ſang und klang es in meinem Innern:

S iſt Sonntag heut. Es tönt durch Berg und Thal

Der Kirchenglocken lieblich Läuten;

Da neigen ſich die Blümlein allzumal,

Sie wiſſen wohl den Klang zu deuten.

Des grünen Waldes Wipfel rauſchen's auch,

Sie kennen auch des Läutens ſchönen Brauch.*)

Ich trat hinaus in's Freie und ſchauete auf die Häuſer, die jetzt vom goldnen Licht der Sonne umfloſſen waren. Wie mag dieſem oder jenem meiner Mitgenoſſen der Glocken⸗ ton in's Herz gedrungen ſein! Welch ein Andrer war ich ſeit meiner Abreiſe aus der Heimath geworden! Eine gleiche Umwandlung war in den meiſten meiner Genoſſen vor ſich gegangen. Wir hatten uns in Lagen des Lebens befunden, in denen das Herz gelechzt hatte nach göttlicher Labung; jetzt gab es für uns nichts, das uns mehr hätte befriedigen können, als das Chriſtenthum. Es war uns die Sonne ge⸗

worden, deren Strahlen des beſſeren Lebens Keime hervor⸗

lockt, die Blüthen öffnet, die Früchte reift.

Jetzt ward es lebendig vor den Häuſern, Erwachſene und Kinder ließen ſich ſehen. Ich ſagte einem Knaben: Gehe von Haus zu Haus und rufe Deine Mitſchüler herbei. In kurzer Zeit waren alle Kinder um mich verſammelt. Wir flochten Kränze, trugen ſie nach der Kirche und ſchmückten

*) Dietrich v. Koenemann.