— 30—
„Aber, wie thoricht rede ich in meiner Trauer! Verzeih mir dieſe eiteln Reden, lieber Gott! Du, o Gott, blickeſt in das Gefaͤngniß meines Vaters! Du ſiehſt ihn und mich! Du ſchaueſt in unſer beyder Herzen! Deine allmaͤch⸗ tige Huͤlfe laͤßt ſich durch keine Mauern und durch keine Eiſengitter abhalten. O ſende Du ihm Troſt in ſeinen Leiden.“
Marie bemerkte hierauf mit Verwunderung,
daß ein lieblicher Geruch von Blumen ihr Ge⸗ faͤngniß erfuͤlle. Sie hatte am Morgen einige Roſenknospen und andere Blumen, die ihr von dem Blumenkdrbchen uͤbrig geblieben waren, in
ein Straͤußchen gebunden, und es vor die Bruſt
geſteckt. Dieſe Blumen hauchten die ſuͤſſen Wohl⸗ geruͤche aus.„Seyd ihr noch da, ihr lieben Bluͤmchen, ſagte ſie, als ſie das Straͤußchen erblickte, und mußtet ihr auch mit mir in das Gefaͤngniß hieher wandern, ihr ſchuldloſen Ge⸗ ſchopfe? Womit habt denn ihr es verdient?
Doch, das ſey mein Troſt, daß ich es ſo wenig
oerſchuldet habe, als ihr.“
Sie nahm das Straͤußchen ab, und betrach⸗ tete es am Schimmer des Mondes.„Ach, ſagte ſie, als ich am Morgen in meinem Gar⸗
ten dieſe Roſenknospen und an dem nahen Baͤch⸗
lein, dieſe Vergißmeinnicht pfluͤckte, wer haͤtte
da geglaubt, daß ich den Abend in dieſem Kerker


