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Kavanagh : eine Erzählung / von H.W. Longfellow, Verfasser von "Hyperion", "Evangelien" u.s.w. ; aus dem Englischen
Entstehung
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tung Abſchied von Alicen genommen, als würde ſie von Engeln emporgetragen, ſank jene in ihren Armſtuhl zurück, auf's Aeußerſte ermattet, ohnmächtig, fürchtend, verſchmach⸗ tend und ſich den Tod wünſchend.

Unten aber ſaßen die beiden alten Frauen, erzählten ſich von Motten, billigem Hausgeräth, und was das beſte Mittel gegen den Rheumatismus ſei. Von der Thür hin⸗ weg aber wandelten zwei glückliche Herzen, die neben ein⸗ ander mit den Pulsſchlägen der Jugend, Hoffnung und Freude klopften, und in ihnen und über ihnen war ein neuer Himmel, eine neue Erde!

Nur wer in einer kleinen Stadt gewohnt hat, weiß,

welch großes Ereigniß dort eine neue Verlobung iſt. Von Nund zu Mund fliegt die ſchnelle Loſung; von Auge zu

Auge blitzt das Leuchtfeuer der Freude oder das Feuerzeichen des Aufruhrs; die Straßen und Häuſer widerhallen davon, wie von dem Alles durchdringenden Tone der Kirchenglocken; die ganze Gemeinde fühlt eine ſympathetiſche Regung, und ſcheint ſich Glück zu wünſchen, daß die großen Ereigniſſe keineswegs bloß den großen Städten vorbehalten ſind. Wie Cäcilie und Kavanagh ſo Arm in Arm durch den Ort gingen, beobachtete ſie manches neugierige Auge vom Fenſter aus, manches kalt gewordene Herz zündete ſein häusliches Liebesfeuer an dem goldenen Gottesaltare wieder an, der von jenen reinen, heiligen Händen durch die Straßen ge⸗ tragen wurde!

Die Nachricht von der Verlobung wurde indeſſen von den verſchiedenen Perſonen ſehr verſchieden aufgenommen. Frau Wilmerdings wunderte ſich ihrerſeits, daß irgend Je⸗ mand Luſt habe ſich zu verheirathen. Der kleine Vogel⸗ händler ſagte, er hätte gewußt, daß es ſo kommen würde, von dem Tage an, wo ſie ſich in ſeinem Vogelhauſe ge⸗ troffen hätten. Fräulein Hawkins verlor plötzlich viel von ihrer Frömmigkeit und ihre ganze Geduld, und lachte faſt krampfhaft. Herr Hawkins hielt es für unmöglich, ging aber heimlich zu einem Freunde, einem alten Junggeſellen, um ihn nach dem beſten Mittel gegen die Liebe zu fragen, und der alte Junggeſell rieth ihm ernſtlich, gleich Einem,