dichter und dunkler werden mit der Jahreszeit, bis die äußere Welt eingehüllt, und endlich ihrem Auge gänzlich verſchloſſen ſein ſollte. Schon trug die Landſchaft eine bleiche, krankhafte Farbe, als entfernte ſich die Sonne mehr und mehr, und als würde ſie bald ganz verſchwinden, wie in den nordiſchen Wintern. Aber dieſen nordiſchen Winter zu erhellen, dämmerte nun in ihr eine ſanfte Morgenröthe empor. Ja, das Morgenlicht der Liebe glühte durch den ganzen Himmel ihrer Gedanken. Noch hatte ſie ſich ſelbſt das Wort nicht zugeraunt, noch erkannte ſie nicht das Er⸗ beben der Leidenſchaft in der neuen Erregung, die ſie durch⸗ glühte. Aber es war die Liebe, und dieſe erhob ihren Geiſt zu einer Sphäre, in welcher er ſich ſogleich heimiſch fühlte:— zu einem reineren Aether, der ſein eigentliches Element zu ſein ſchien.
Dieſes Gefühl war jedoch durchaus keine Aufheiterung. Vielmehr brachte es ſeine eigenthümliche Sehnſucht und Traurigkeit mit ſich, ſein Schwanken, und ſeinen ſchnellen Wechſel zwiſchen Aufregung und Niedergeſchlagenheit. Da⸗ zu trugen die alltäglichen Begebniſſe des Lebens viel bei. Kavanagh war ihr auf der Straße begegnet, ohne ſie zu erkennen. In der Bitterkeit des Augenblicks vergaß ſie den dicken Schleier, welcher ihr Geſicht gänzlich verhüllte. In einer Abendgeſellſchaft bei Churchills, hatte Kavanagh durch irgend einen unglücklichen Zufall lange Zeit ihr ſehr nahe geſtanden, hatte ihr den Rücken zugekehrt, und eifrig mit Fräulein Hawkins geſprochen, aus deren Netzen er ſich vergebens zu befreien trachtete. In dem bittern Gefühl,
welches die anſcheinende Vernachläſſing in ihr erregte, ſagte
Alice bei ſich ſelbſt:„Dieſe Art von Frauen iſt es alſo, welche die Männer am meiſten bezaubert!“
Aber dieſe ſchrecklichen Leidensmomente waren ſelten und kurz, während ſie manche dauernde Wonneſtunde hatte. In einem ſo einſamen Leben wie das ihre, das ſo wenig erheitert und verſchönt war, wurde der verkleidete Gaſt, die Liebe, gern willkommen geheißen, und ohne Furcht und Argwohn aufgenommen. Hätte man ihn gefürchtet oder geargwöhnt— er wäre nicht länger gefährlich geweſen. Er kam in Geſtalt der Freundſchaft, wo man der Freund⸗


