„Wer iſt da? biſt Du es, Alice?“
„Ja, Mutter, ich bin es.“
„Wo warſt Du ſo lange?“
„Nirgends, liebe Mutter. Ich komme geradeswegs aus der Kirche nach Hauſe.“
„Wie lange mir das vorkommt! Es iſt ſehr ſpät, und ſchon ganz dunkel. Ich wollte eben nach Licht rufen.“
„Wie, Mutter!“ rief Alice mit ängſtlicher Stimme; „was meinſt Du? die Sonne ſcheint Dir ja gerade ins Geſicht!“
„Unmöglich, meine liebe Alice. Es iſt ja ganz dunkel, und ich ſehe Dich nicht. Wo biſt Du denn?“
Sie beugte ſich über ihre Mutter und küßte ſie. Beide ſchwiegen,— Beide weinten; ſie wußten, daß die bang geahnte Stunde des Unglücks gekommen war. Frau Archer war blind.
Dieſe Schmerzensſcene wurde durch das plötzliche Ein⸗ treten Sarah Mancheſters unterbrochen. Sie war ebenfalls in Thränen, aber ſie beweinte ihren eigenen Kummer. Sie hielt einen offnen Brief in der Hand, den ſie Alicen reichte, indem ſie unter Schluchzen ſtammelte:
„Leſen Sie, Fräulein Archer, und ſehen Sie, wie falſch ein Mann ſein kann. Trauen Sie nie einem Manne, ſie ſind ſich Alle gleich; ſie ſind Alle falſch,— falſch,— falſch!“
Alice nahm den Brief, und las wie folgt:
„Mit Vergnügen ergreife ich die Feder, um in aller Kürze an Sie zu ſchreiben, liebe Jungfer Mancheſter. Ich ſchätze Sie ſo hoch wie je, aber die Vorſehung ſcheint meine Gedanken und Neigungen für eine Andere beſtimmt zu haben, und zwar in meiner Nähe, was mir ſelbſt unerwartet gekommen iſt. Ich hoffe, Jungfer Mancheſter, Sie vergeſſen nicht, daß wir als Jünger Chriſti uns in unſer zeitliches Schickſal fügen müſſen. Gott möge Ihnen beiſtehen, damit wir würdig ſein mögen, dereinſt unter⸗ die himmliſchen Heerſchaaren aufgenommen zu werden. Eine Antwort würde mir ſehr wünſchenswerth ſein. Ich ſchätze Ihre Tugend, und betrachte Sie wie eine Freundin.
Martin Cherryfield.


