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eines jener Häuſer, die einen niederdrücken, wenn man hin⸗ eintritt, gleichſam als wären viele Leute darin geſtorben,— beklommen, verlaſſen, öde. Selbſt die Uhr im Hauſe hatter einen traurigen Ton, und zeigte die Stunde mit einem ſtarken, betäubenden Schlage an, ſo daß ſie an Jael er⸗ innerte, wie ſie den Nagel durch den Kopf Siſſeras trieb.*)
Noch einen andern Bewohner hatte das Haus nur noch Einen. Das war Sarah Mancheſter, oder Jungfer Sarah Mancheſter, wie ſie ſich lieber nennen hörte; ein vortreffliches Stubenmädchen und eine ſehr ſchlechte Köchin, denn ſie diente in beiden Eigenſchaften. Sie war wirklich ein ungewöhnliches Frauenzimmer, von kräftigem Wuchs und männlichen Zügen;— eine von denen, die zum Arbei⸗ ten geſchaffen ſind, ihr Erbtheil an Mühe hinnehmen, als wäre es Spiel, und die demzufolge in der Sprache häus⸗ licher Empfehlung gewöhnlich bezeichnet werden als„ein Schatz, wenn man ſie bekommen kann.“ Ein Schatz war ſie dieſer Familie in der That, denn ſie verrichtete alle Hausarbeit, und trug nebenbei noch Sorge für die Kuh und das Geflügel. Gelegentlich wagte ſie ſich auch auf das Feld der Arzneikunde, und gab dem Haushahn Brennöl ein, wenn ſie glaubte, er krähe heiſer. Auf der Stirn hatte ſie, was man zuweilen„eine Wittwenſchneppe“ nennt, — d. h. ihr Haar wuchs in der Mitte in einer Spitze auf die Stirn herab. Sonntags erſchien ſie in einem blauen, halbſeidnen Kleide in der Kirche, mit einer großen, roſen⸗ farbnen Schleife an der Seite ihres Hutes, welche ſie „die Gemeindeſeite“ nannte. Ihr Charakter war ſtark, gleich ihrer Geſtalt, ihre Stimmung, nicht liebenswürdig, ſondern hatte, wie man zuweilen empfehlungsweiſe von Aepfeln ſagt, eine angenehme Säure.
Das waren die Bewohner des unheimlichen Hauſes, von denen die Letztere häufig die Abſicht ausſprach, daſſelbe zu verlaſſen, indem ſie mit einem reiſenden Zahnarzt ver⸗ lobt war, welcher einſt ihre hohlen Zähne mit Kitt gefüllt, und die Gelegenheit wahrgenommen hatte, eine ſchwache Stelle ihres Herzens mit Etwas auszufüllen, das noch weit
*) Buch der Richter, 4, 17— 22.
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