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Kavanagh : eine Erzählung / von H.W. Longfellow, Verfasser von "Hyperion", "Evangelien" u.s.w. ; aus dem Englischen
Entstehung
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zwölf. Seit 6 Uhr hatte er ſie nicht ſchlagen hören. Das Mondlicht verſilberte die fernen Hügel, und lag ſo weiß wie Schnee auf den froſtigen Dächern des Dorfes. An keinem Fenſter war Licht zu ſehen.

Undankbare Menſchen! Könnt ihr nicht Eine Stunde mit mir wachen? rief er in der bittern Erregtheit des Augenblicks aus, als hätte er gedacht, daß in dieſer feier⸗ lichen Nacht die ganze Gemeinde wachen ſollte, während er ſeine Abſchiedspredigt ſchrieb. Er preßte ſeine heiße Stirn an das Fenſter, um ſein Fieber zu mildern. Ueber die zittern⸗ den Wellchen ſandte der ruhige Mond ihm einen ſilbernen Lichtpfeil zu, gleich dem Gruß eines Engels. Da kam der tröſtende Gedanke über ihn, daß nicht nur dieſer Fluß, ſondern alle Flüſſe und Seen und ſelbſt das unendliche Meer in dieſem himmliſchen Lichte erglänzten, obgleich es ihm nur als ein einziger Strahl erſchien, und daß, was für ihn dunkele Wellen, für Andere die klaren Verſuchungen Gottes wären.

4.

Der Morgen kam; der liebe, ſchöne, ſtille Sonntag, ein willkommener Ruhetag für Jeden, welcher ſich mit ſeiner Hände, oder ſeines Kopfes Arbeit ſein Brod ver⸗ dient. Als die erſte Glocke ertönte, ſchien ſie, ein eherner Mörſer, von ihrer düſtern Feſtung herab das Dorf mit Klangbomben zu beſchießen, welche über den Häuſern zer⸗ platzend, die Ohren aller Pfarrkinder betäubten und die Gewiſſen Vieler erſchütterten.

Herr Penderter ſollte ſeine Abſchiedspredigt halten. Die Kirche war gedrängt voll, und nur Eine Perſon kam zu ſpät. Es war ein beſcheidenes, ſanftes Mädchen, welches ſich ſtill einen der Seitenflügel hinaufſtahl, doch nicht ge⸗ räuſchlos genug, als daß nicht die Thür des Kirchſtuhls beim Oeffnen ein Wenig geknarrt hätte. Flugs wandten ſich

Kavanagh, 2