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Kavanagh : eine Erzählung / von H.W. Longfellow, Verfasser von "Hyperion", "Evangelien" u.s.w. ; aus dem Englischen
Entstehung
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6.

Unterdeſſen fand im Pfarrhauſe eine andre Scene Statt. Herr Penderter hatte ſich in ſein Studirzimmer zurückgezogen, um ſeine Abſchiedspredigt zu vollenden. Schweigen herrſchte im Hauſe. Der Sonntag hatte dort ſchon begonnen. Die Woche endete mit Sonnenuntergang und aus Abend und Morgen wurde der erſte Tag.

Der Pfarrer wurde in ſeiner Arbeit durch den alten Küſter unterbrochen, welcher wie gewöhnlich, die Kirchen⸗ ſchlüſſel holte. Er ermahnte ihn ſanft, daß er ſo ſpät käme und dieſer entſchuldigte ſich damit, daß ſeine Frau wieder kränker ſei.

Arme Frau! ſagte Herr Penderter,iſt ſie denn bei Bewußtſein?

Ja, antwortete der Küſter,wie immer.

Sie iſt lange krank geweſen, fuhr der Pfarrer fort, und wir haben ſeit vielen Sonntagen für ſie gebetet.

Das iſt ſehr wahr, Herr Prediger, erwiederte der Küſter kläglich;ich habe Ihnen viel Mühe gemacht. Sie brauchen nicht mehr für ſie zu beten, es nützt doch nichts.

Herr Pendexter war in zu gehobener Stimmung, um die verzweifelte Demuth ſeines alten Gemeindegliedes und die unwillkührliche Anſpielung auf die Nutzloſigkeit ſeiner Gebete zu bemerken. Er drückte warm des alten Mannes Hand, und ſagte ſehr bewegt: 1

Ich predige zwar morgen das letzte Mal in dieſer Kirche, an welcher ich ſeit 25 Jahren gelehrt habe, aber es iſt nicht das letzte Mal, daß ich für Sie und Ihre Familie bete.

Der Küſter zog ſich gleichfalls ſehr bewegt zurück, und der Pfarrer ging wieder an ſeine Arbeit. Sein Herz glühte und brannte in ihm. Ueber ſein Geſicht zog oft eine dunkle Röthe, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, ſo daß er inne halten mußte. Oft ſtand er auf, maß das Zimmer mit großen Schritten, und wiſchte die dicken Tropfen ab, die auf ſeiner rothen, fieberhaften Stirn ſtanden.

Endlich war die Predigt fertig. Er ſſtand auf und ſah zum Fenſter hinaus. Langſam ſchlug die Thurmuhr

4.