9
4.
„Ich dachte heute daran,“ ſagte Herr Churchill einige Minuten nachher, als er Papier aus einer von Quitten durchdufteten Schublade nahm, und es auf ſeinem Arbeits⸗ tiſch zurechtlegte, während ſeine Frau ſich mit ihrer Arbeit wie gewöhnlich ihm gegenüber ſetzte—„ich dachte heute daran, wie trocken und proſaiſch das Studium der Mathe⸗ matik in unſern Schulbüchern behandelt wird; als ob die große Wiſſenſchaft von den Zahlen nur zu Handelszwecken ausgebildet worden wäre.“
„Was mich betrifft,“ antwortete ſeine Frau,„ſo be⸗ greife ich nicht, wie Du die Mathematik poetiſch machen willſt. Es iſt keine Poeſie darin.“
„Das iſt ein großer Irrthum! Es iſt etwas Göttliches in der Wiſſenſchaft von den Zahlen. Sie hält, wie Gott, das Meer in ihrer hohlen Hand. Sie mißt die Erde; ſie wägt die Geſtirne; ſie erleuchtet das Weltall; ſie iſt Ge⸗ ſetz, Ordnung, Schönheit. Und doch glauben wir— d. h. die Meiſten unter uns, daß ihr höchſter Zweck und Gipfelpunkt die doppelte italieniſche Buchführung ſei. Unſre Art und Weiſe ſie zu lehren iſt es, welche ſie ſo proſaiſch macht.“
Mit dieſen Worten ſtand er auf und ging zu einem ſeiner Bücherbretter, von welchem er einen kleinen alten Quartband herab nahm, und ihn auf den Tiſch legte.
„Nun ſieh,“ fuhr er fort,„hier iſt ein mathematiſches
Buch von ganz anderem Gepräge als die unſrigen.“
„Es ſieht recht alt aus. Was iſt es denn 2*⁸
„Es iſt die Liliwati von Bhascara Acharya aus dem Sanskrit überſetzt.“
„Ein hübſcher Name. Sage mir doch, was bedeutet er?“
„Liliwati war der Name von Bhascara's Tochter; und das Buch wurde geſchrieben um ihn zu verewigen. Fol⸗ gendes iſt in Kürze der ganze Inhalt.“
Er öffnete hierauf den Band, und las wie folgt:
„Die Abfaſſung der Liliwati wurde, wie erzählt wird, durch folgende Umſtände veranlaßt. Liliwati hieß
2 8 8*


