217
Eines Tages ſaß ſie im Luſtwäldchen auf einer Bank von Baumzweigen. Es war ein ſtilles einſa⸗ mes Plätzchen, dicht umſchattet von Lerchenbäumen, rothen Akazien und Platanen. Durch die ſchlanken Stämme der jungen Birken, welche den Abhang hinab liefen, blickte nur ein kleiner Abſchnitt des reitzenden Thales hervor, in welchem der Fluß zu den fernen blauen Bergen ſich hinzog. Reben ihr rieſelte eine Quelle aus dunkelm Brombeergeſträu⸗ che zwiſchen Felſen hervor und nur der Geſang der Droſſeln im Gebüſche unterbrach die Stille. Vor ihr ſaß auf dichtem Mooſe ihr Pflegling und ſcherz⸗ te mit dem Windſpiele, das ihr gefolgt war. Da fuhr der Hund plötzlich bellend auf, und in dem⸗ ſelben Augenblicke ſtand Murbach vor ihr. Luiſe! Heinrich! waren die einzigen Worte, die beyde ſa⸗ gen konnten. Er lag vor ihren Füßen und drückte ihre Hand an ſeinen Mund. O Gott; rief ſie end⸗ lich, erſchreckt von ſeiner Heftigkeit, ſtehen Sie auf! Verlaſſen Sie mich!
O Luiſe, was haſt Du gethan! ſprach er⸗ Dich verlaſſen! fuhr er nach einer Pauſe fort. Iſt dieß der Empfang, den ich mir ſo ſchön gedacht hatte? Iſt dieß das Wiederſehen, das ich mir als den ſeligſten Lohn für alle Gefahren verſprach?
Der kleine Wilhelm hatte ſich bey dem An⸗ blicke der fremden Gewalt erſchrocken zu ihrer Pfle⸗ gerinn geflüchtet und ſchmiegte ſich ihr ängſtlich in
Unterh. Bibl. 3. Jahrg. 6. B. K


